Alkoholabhängigkeit: Rückfall

Rückfälle sind bei Alkoholabhängigkeit häufig, auch nach langer Abstinenz. Sie kündigen sich meist an, lange bevor das erste Glas getrunken wird. Dieser Beitrag zeigt, woran Sie ein steigendes Risiko erkennen, was einen Ausrutscher von einem Rückfall unterscheidet und was hilft, schnell wieder Tritt zu fassen.

Aktualisiert: 5 min read

Viele Menschen erleben nach einem Entzug oder einer Entwöhnung Wochen, Monate oder Jahre ohne Alkohol, und dann kommt doch wieder ein Glas. Das ist häufig, und es ist kein Beweis, dass die ganze Arbeit umsonst war. Gleichzeitig ist ein Rückfall kein harmloser Ausrutscher, den man einfach abhaken sollte. Wer versteht, wie Rückfälle entstehen, kann früher gegensteuern und nach einem Rückschlag schneller wieder Halt finden.

Ausrutscher oder Rückfall?

Fachleute unterscheiden zwei Dinge:

  • Ausrutscher (englisch “lapse”): ein einzelnes, begrenztes Trinken nach einer Phase der Abstinenz
  • Rückfall (englisch “relapse”): die Rückkehr zum früheren Trinkmuster über Tage oder Wochen

Der Psychologe G. Alan Marlatt und die Psychologin Judith Gordon haben beschrieben, was zwischen beidem entscheidet. Nach einem Ausrutscher reagieren viele mit dem Gedanken “Jetzt ist es eh egal, ich habe versagt”. Dieser sogenannte Abstinenzverletzungseffekt verwandelt die Scham über ein Glas in den Freifahrtschein für viele weitere. Wer den Ausrutscher dagegen als Warnsignal sieht (“Da ist etwas schiefgelaufen, ich muss handeln”), hat gute Chancen, dass es bei einem bleibt.

Warum Rückfälle passieren

Eine Alkoholabhängigkeit verändert das Gehirn über Jahre. Auch nach langer Abstinenz bleibt die Verknüpfung zwischen Alkohol und bestimmten Reizen bestehen. Typische Auslöser sind:

  • Unangenehme Gefühle: Stress, Ärger, Einsamkeit, Langeweile, Trauer
  • Konflikte: Streit in Partnerschaft, Familie oder Job
  • Soziale Situationen: Feiern, Einladungen, Kolleg:innen, die zum Mittrinken drängen
  • Angenehme Gefühle: Erfolg, Urlaub, “das habe ich mir verdient”
  • Körperliche Zustände: Schlafprobleme, Schmerzen, Erschöpfung
  • Reize aus der Trinkzeit: bestimmte Orte, Uhrzeiten, Gerüche, das Geräusch einer Bierflasche
  • Der Kontrollgedanke: “Nach so langer Zeit kann ich doch wieder ein bisschen trinken”

Unbehandelte Begleiterkrankungen wie eine Depression, eine Angststörung oder eine posttraumatische Belastungsstörung erhöhen das Risiko erheblich. Die S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen (Stand 2021) empfiehlt deshalb, sie in der Behandlung gleich mitzubehandeln.

Ein Rückfall beginnt vor dem ersten Glas

Rückfälle kommen selten aus heiterem Himmel. Meist gibt es eine Vorlaufphase, die man erkennen kann:

  • Gedanken: Der Alkohol taucht wieder öfter in Gedanken auf, die Erinnerung an die schlimmen Zeiten verblasst, die guten werden schöner
  • Gefühle: Gereiztheit, Unruhe, Leere oder das Gefühl, dass sich die Mühe nicht lohnt
  • Verhalten: Termine in der Selbsthilfegruppe fallen aus, Routinen bröckeln, Schlaf und Essen werden unregelmäßig
  • Kleine Entscheidungen: der Umweg an der alten Kneipe vorbei, das alkoholfreie Bier im Kühlschrank, die Feier, bei der “bestimmt nichts passiert”

Marlatt nannte die letzte Gruppe scheinbar unwichtige Entscheidungen. Einzeln wirken sie harmlos. Zusammen führen sie Schritt für Schritt in eine Situation, in der Nein sagen sehr schwer wird.

Was Rückfällen nachweislich vorbeugt

Die S3-Leitlinie nennt für die Zeit nach dem Entzug mehrere gut belegte Bausteine:

  • Verhaltenstherapie und kognitive Verhaltenstherapie: Persönliche Risikosituationen werden herausgearbeitet und konkrete Strategien geübt, etwa Ablehnen, Ablenken, Verlangen aushalten, Hilfe holen.
  • Motivierende Gesprächsführung: Sie hält die eigenen Gründe für die Veränderung lebendig, besonders wenn die Motivation nachlässt.
  • Einbeziehen von Partner:in und Familie: Angehörigenarbeit und Paartherapie verbessern laut Leitlinie den Verlauf.
  • Medikamente: Acamprosat oder Naltrexon können das Rückfallrisiko senken. Mehr dazu unter Alkoholabhängigkeit: Behandlung.
  • Nachsorge über mindestens zwölf Monate, gut abgestimmt zwischen Klinik, Beratung, Psychotherapie und Hausarztpraxis.
  • Selbsthilfegruppen, regelmäßig und langfristig. Sie bieten das, was kein Behandlungsplan ersetzen kann: Menschen, die den Weg kennen und auch am Wochenende erreichbar sind.

Ihr persönlicher Notfallplan

Ein Notfallplan wirkt am besten, wenn er schriftlich und griffbereit ist, bevor er gebraucht wird. Er beantwortet vier Fragen:

  1. Was sind meine Warnsignale? Die drei, vier Anzeichen, die bei Ihnen typischerweise vor dem Trinken auftauchen.
  2. Was tue ich, wenn das Verlangen kommt? Zum Beispiel den Ort verlassen, etwas essen, eine Viertelstunde gehen, etwas Kaltes trinken. Verlangen steigt an und ebbt wieder ab, oft innerhalb von Minuten.
  3. Wen rufe ich an? Zwei oder drei Namen mit Nummer, dazu Ihre Selbsthilfegruppe und die Suchtberatung.
  4. Was tue ich, wenn ich getrunken habe? Aufhören, Bescheid geben, Termin machen. Diese Antwort vorher festzulegen, nimmt dem Abstinenzverletzungseffekt viel von seiner Kraft.

Wenn es passiert ist: die ersten Stunden und Tage

  • Aufhören, so früh es geht. Gießen Sie Reste weg, verlassen Sie die Situation.
  • Sicherheit prüfen. Wer wieder über mehrere Tage viel getrunken hat, kann erneut körperlich abhängig sein. Hören Sie dann nicht allein abrupt auf, sondern klären Sie mit Ihrer Hausärzt:in oder einer Suchtambulanz, ob ein begleiteter Entzug nötig ist. Bei Krampfanfall, Verwirrtheit oder Halluzinationen gilt: 112.
  • Darüber sprechen. Mit Ihrer Selbsthilfegruppe, Ihrer Suchtberatung oder Ihrer Therapeut:in. Schweigen hält Scham am Leben und macht den nächsten Schritt schwerer.
  • Später auswerten. Wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist: Was war los? Welche Warnsignale gab es? Was hat gefehlt? Daraus wird der Notfallplan besser.

Veränderung verläuft in Stufen

Das Transtheoretische Modell von James Prochaska und Carlo DiClemente beschreibt Veränderung als Abfolge von Phasen: Absichtslosigkeit, Absichtsbildung, Vorbereitung, Handlung und Aufrechterhaltung. Die meisten durchlaufen diese Phasen nicht geradlinig, sondern in Schleifen. Ein Rückfall bedeutet in diesem Modell, dass man in eine frühere Phase zurückfällt, meist nicht ganz an den Anfang. Wissen, Erfahrungen und Kontakte aus der Abstinenzzeit bleiben.

Für Angehörige

Ein Rückfall ist auch für Partner:innen und Familie schwer, oft verbunden mit Wut, Enttäuschung und Angst. Hilfreich ist, das Trinken klar anzusprechen, ohne die Person abzuwerten, und Folgen nicht mehr stillschweigend aufzufangen, etwa durch Ausreden gegenüber dem Arbeitgeber. Angehörige haben ein eigenes Recht auf Unterstützung: Suchtberatungsstellen beraten auch sie, und Gruppen wie Al-Anon richten sich gezielt an Angehörige.

Was Sie jetzt tun können

  • Schreiben Sie heute Ihre drei wichtigsten Warnsignale und zwei Telefonnummern auf.
  • Gehen Sie zu Ihrer Selbsthilfegruppe, gerade dann, wenn Sie keine Lust haben. Adressen finden Sie bei den Anonymen Alkoholikern, beim Blauen Kreuz oder im Suchthilfeverzeichnis der DHS.
  • Nutzen Sie bei Bedarf die kostenlose, anonyme Online-Suchtberatung DigiSucht.

Psychotherapie kann Rückfallvorbeugung gezielt unterstützen, zum Beispiel wenn Stress, gedrückte Stimmung oder Konflikte immer wieder zu Risikosituationen führen. Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen für eine Psychotherapie per Video, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Einen ärztlich begleiteten Entzug ersetzt das nicht. Mehr unter Therapeutensuche und Online-Psychotherapie. Wie eine Alkoholabhängigkeit überhaupt entsteht, erklärt Wenn Trinken zur Sucht wird.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Das Gehirn speichert die Verbindung zwischen Alkohol und bestimmten Situationen, Gefühlen und Reizen über Jahre. Stress, Streit, Einsamkeit, alte Trinkorte oder auch Feiern können das Verlangen wieder wecken. Dazu kommt oft der Gedanke, inzwischen wieder kontrolliert trinken zu können.

Themenreihe abgeschlossen

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