Kaum ein psychologischer Begriff wird so oft benutzt wie Narzissmus. Er fällt in Gesprächen über schwierige Vorgesetzte, über verletzende Trennungen und über Politiker:innen. Das hat Vorteile: Viele Menschen finden über das Wort eine Sprache für Erfahrungen, die sie lange nicht benennen konnten. Es hat aber auch Nachteile. Wer jedes egoistische Verhalten narzisstisch nennt, verwischt den Unterschied zwischen einer anstrengenden Eigenschaft und einer psychischen Erkrankung.
Was bedeutet Narzissmus?
Der Name geht auf die griechische Sage von Narziss zurück, der sich in sein Spiegelbild verliebt. Psychologisch beschreibt Narzissmus, wie ein Mensch sein Selbstwertgefühl reguliert: über Bewunderung, über das Gefühl, besonders zu sein, und über die Abgrenzung von anderen.
Man kann sich das als Spektrum vorstellen:
- Gesunder Narzissmus: Selbstvertrauen, Freude an Anerkennung, die Fähigkeit, für sich einzustehen. Das gehört zu einem stabilen Selbstwert.
- Narzisstische Züge: ausgeprägte Selbstbezogenheit, starkes Bedürfnis nach Bestätigung, Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Sie können anstrengend sein, sind aber keine Krankheit.
- Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Die Muster sind tiefgreifend, überdauernd und führen zu deutlichem Leiden oder erheblichen Problemen in Beziehungen und Beruf.
Sigmund Freud beschrieb 1914 einen normalen, frühkindlichen Narzissmus. Heinz Kohut und Otto Kernberg prägten ab den 1960er Jahren das Verständnis der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Die heutige Forschung stützt sich stärker auf Studien zu Persönlichkeitsmerkmalen und unterscheidet vor allem grandiose und verletzliche Ausprägungen.
Was ist ein Narzisst?
Im Alltag ist ein “Narzisst” jemand, der sich ständig in den Mittelpunkt stellt, andere abwertet, Kritik nicht verträgt oder wenig Mitgefühl zeigt. Fachlich ist das keine Diagnose. Ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt, lässt sich nur in einem ausführlichen Gespräch mit der betroffenen Person selbst und über längere Zeit beurteilen. Aus der Ferne, aus Erzählungen oder aus einem Streit lässt sich das nicht feststellen.
Das heißt nicht, dass verletzendes Verhalten weniger verletzend ist, wenn keine Diagnose dahintersteht. Für Menschen, die darunter leiden, ist oft weniger wichtig, wie es heißt, als was sie selbst brauchen, um sich zu schützen.
Typische Anzeichen von Narzissmus
Je nach Ausprägung zeigen sich unter anderem:
- ein überhöhtes Gefühl der eigenen Wichtigkeit und Besonderheit
- ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und Aufmerksamkeit
- Anspruchsdenken: die Erwartung, bevorzugt behandelt zu werden
- wenig Bereitschaft, sich in Gefühle anderer einzufühlen
- Neid, Überheblichkeit oder Abwertung anderer
- hohe Kränkbarkeit, mit Wut, Rückzug oder Kälte auf Kritik
- schwankender Selbstwert, Gefühle von Leere oder Scham hinter der Fassade
Einzelne dieser Merkmale kennen die meisten Menschen von sich. Entscheidend ist, ob sie dauerhaft und in vielen Situationen das Erleben und Verhalten bestimmen. Die offiziellen Kriterien und wie eine Diagnose gestellt wird, beschreibt Narzissmus: Diagnose.
Grandios und verletzlich: zwei Seiten
Die Forschung unterscheidet zwei Ausprägungen. Der grandiose Narzissmus zeigt sich offen: dominant, selbstsicher, charmant, oft wenig selbstkritisch. Der verletzliche (vulnerable), auch verdeckte Narzissmus ist leiser: große Unsicherheit, starke Kränkbarkeit, Rückzug, das stille Gefühl, eigentlich mehr Anerkennung zu verdienen.
Beide schließen sich nicht aus. Eine Übersichtsarbeit von Weinberg und Ronningstam (2022) fasst zusammen, dass Menschen mit stark grandiosen Zügen häufig auch verletzliche Phasen erleben, etwa nach Niederlagen. Mehr dazu unter Formen von Narzissmus.
Wie häufig ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?
Nach derselben Übersichtsarbeit betrifft sie etwa 1 bis 2 Prozent der Allgemeinbevölkerung. Das MSD Manual nennt aus fünf Bevölkerungsstudien einen Durchschnitt von 1,6 Prozent, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. In psychotherapeutischen Praxen liegt der Anteil deutlich höher. Die Störung ist also weit seltener, als der Alltagsgebrauch des Wortes nahelegt.
In Deutschland wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung nach ICD-10-GM unter F60.8 (“Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen”) kodiert. Die neue ICD-11, die hier noch nicht eingeführt ist, kennt keine eigene Narzissmus-Diagnose mehr. Sie beschreibt Persönlichkeitsstörungen nach Schweregrad und typischen Merkmalsbereichen.
Wie entsteht Narzissmus?
Es gibt keine einzelne Ursache. Diskutiert werden mehrere Einflüsse, die zusammenwirken:
- Veranlagung: Persönlichkeitsmerkmale wie Durchsetzungsdrang oder emotionale Empfindlichkeit sind zum Teil erblich.
- Überhöhung: Kinder, die nicht für das gelobt werden, was sie tun, sondern dafür, dass sie angeblich besser sind als andere, lernen, dass Wert an Überlegenheit hängt.
- Bedingte Zuwendung: Wer Liebe vor allem für Leistung erlebt, baut leicht ein Selbstbild auf, das ständig bestätigt werden muss.
- Kälte oder Abwertung: Auch fehlende verlässliche Wärme, Beschämung oder Vernachlässigung können dazu führen, dass ein Kind eine schützende Fassade aufbaut.
Das ist kein Vorwurf an Eltern. Oft geben sie weiter, was sie selbst erlebt haben, und viele Kinder mit ähnlichen Erfahrungen entwickeln keinen problematischen Narzissmus.
Wann wird Narzissmus zum Problem?
Problematisch wird es, wenn das Bedürfnis nach Bestätigung Beziehungen dominiert: wenn andere vor allem als Publikum oder Mittel zum Zweck erlebt werden, wenn jede Kritik zum Angriff wird oder wenn hinter der Fassade Leere, Scham und Selbstzweifel wachsen.
Häufig leiden Betroffene selbst, auch wenn es nach außen nicht so wirkt. Depressionen, Suchterkrankungen und Angst kommen oft hinzu. Weinberg und Ronningstam nennen auch ein erhöhtes Suizidrisiko. Viele suchen erst Hilfe, wenn eine Lebenskrise, eine Begleiterkrankung oder Druck aus Familie und Beruf dazu drängt. Ob und wie eine Therapie hilft, beschreibt Narzissmus: Behandlung.
Wenn Sie mit einem narzisstischen Menschen leben
Wer in einer Partnerschaft, Familie oder im Job mit stark narzisstischem Verhalten zu tun hat, erlebt oft ein ähnliches Muster: anfangs viel Aufmerksamkeit und Idealisierung, später Abwertung, Schuldzuweisungen und das Gefühl, nichts richtig machen zu können. Manche zweifeln irgendwann an ihrer eigenen Wahrnehmung.
Hilfreich ist meist:
- den Blick auf die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu richten, statt die andere Person verändern zu wollen
- Gespräche mit Vertrauten oder in einer Beratung zu suchen, um die eigene Wahrnehmung zu sortieren
- Psychotherapie für sich selbst, wenn die Beziehung Selbstwert, Schlaf oder Stimmung angegriffen hat
- bei Drohungen, Kontrolle oder Gewalt Unterstützung zu holen, etwa beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 116 016, rund um die Uhr
Eine Paartherapie kann sinnvoll sein, wenn beide etwas verändern wollen. Bei Gewalt oder Angst vor der anderen Person ist sie nicht der richtige Rahmen.
Was Sie jetzt tun können
Unser Narzissmus-Test lehnt sich an einen verbreiteten Fragebogen zu narzisstischen Persönlichkeitszügen an. Er misst Ausprägungen, keine Störung, und kann ein Anstoß für ein Gespräch sein.
Ob Sie unter Kränkbarkeit, Leere und Beziehungskonflikten leiden oder unter dem Verhalten eines anderen Menschen: Psychotherapie bietet einen geschützten Rahmen, um Muster zu verstehen. Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen für eine Psychotherapie per Video, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Mehr unter Online-Psychotherapie.
Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.
Häufige Fragen
Was ist Narzissmus? +
Narzissmus beschreibt, wie stark jemand das eigene Selbstwertgefühl über Bewunderung, Überlegenheit und Bestätigung durch andere reguliert. Das reicht von gesundem Selbstbewusstsein über ausgeprägte narzisstische Züge bis zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Kennzeichnend sind starke Selbstbezogenheit, Kränkbarkeit und ein oft brüchiger Selbstwert.
Was ist ein Narzisst? +
Im Alltag wird so jemand genannt, der sehr selbstbezogen, rücksichtslos oder wenig einfühlsam wirkt. Fachlich ist das keine Diagnose. Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung spricht man erst, wenn die Muster dauerhaft, in vielen Lebensbereichen und mit deutlichem Leiden oder Beeinträchtigung auftreten, und das kann nur eine Fachperson beurteilen.
Wie häufig ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung? +
Studien schätzen, dass etwa 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, Männer etwas häufiger als Frauen. In psychotherapeutischen Praxen ist der Anteil höher, weil Betroffene oft wegen Depression, Sucht oder Beziehungskrisen Hilfe suchen.
Ist Narzissmus immer krankhaft? +
Nein. Ein gewisses Maß an Selbstbezogenheit und Wunsch nach Anerkennung gehört zu einem gesunden Selbstwert. Problematisch wird Narzissmus, wenn er Beziehungen dauerhaft belastet, andere ausgenutzt werden oder die betroffene Person selbst stark unter Kränkungen, Leere oder Selbstzweifeln leidet.
Wie entsteht Narzissmus? +
Aus einem Zusammenspiel von Veranlagung und Beziehungserfahrungen. Diskutiert werden etwa eine Kindheit, in der ein Kind überhöht oder nur für Leistung geschätzt wurde, aber auch emotionale Kälte, Abwertung oder fehlende verlässliche Zuwendung. Eine einzelne Ursache gibt es nicht.
Quellen:
Wichtiger Hinweis
Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte
Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.