Trauma und PTBS Teil 4 von 7

PTBS-Diagnose: Wie eine posttraumatische Belastungsstörung erkannt wird

Eine PTBS lässt sich nicht mit einem einzelnen Test feststellen. Die Diagnose entsteht aus Gespräch, behutsamer Traumaanamnese und einem standardisierten Interview oder Fragebogen. Dieser Beitrag zeigt, wie eine Abklärung abläuft, welche Instrumente die S3-Leitlinie 2026 empfiehlt, wie sich ICD-10-GM, ICD-11 und DSM-5-TR unterscheiden und wovon eine PTBS abzugrenzen ist.

Aktualisiert: 6 min read

Eine PTBS wird oft spät erkannt. Viele Betroffene sind seit Jahren wegen Depression, Angst oder Schlafproblemen in Behandlung, ohne dass jemand nach belastenden Erlebnissen gefragt hat. Umgekehrt wird das Wort Trauma heute schnell verwendet, auch wenn die Beschwerden eher zu einer Anpassungsstörung passen. Eine sorgfältige Abklärung ist deshalb kein Formalismus. Sie entscheidet darüber, welche Behandlung passt.

Was für eine PTBS-Diagnose vorliegen muss

Drei Voraussetzungen müssen zusammenkommen:

  • Ein traumatisches Ereignis. Die ICD-10-GM spricht von einem Ereignis „mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß“. Auch ein lange zurückliegendes Ereignis zählt.
  • Die typischen Symptome. Wiedererleben in Flashbacks, Albträumen oder sich aufdrängenden Erinnerungen, Vermeidung von Erinnerungsreizen und eine anhaltende Übererregung oder das Gefühl gegenwärtiger Bedrohung.
  • Dauer und Folgen. Die Beschwerden bestehen über Wochen und beeinträchtigen Arbeit, Beziehungen oder die Versorgung der eigenen Person spürbar.

Fehlt einer dieser Punkte, liegt keine PTBS vor, auch wenn das Bild ähnlich wirkt. Dann kommen eine akute Belastungsreaktion, eine Anpassungsstörung, eine Depression oder eine dissoziative Störung infrage.

ICD-10-GM, ICD-11 und DSM-5-TR

Drei Klassifikationssysteme beschreiben die PTBS, und sie tun es nicht identisch.

ICD-10-GM (F43.1). In Deutschland verbindlich für Diagnose und Abrechnung, aktuell in der Version 2026. Sie beschreibt Wiedererleben, Vermeidung, emotionale Abstumpfung und Übererregung. Der Beginn folgt dem Trauma laut ICD-10-GM mit einer Latenz von wenigen Wochen bis Monaten.

ICD-11 (6B40). International seit 2022 in Kraft, in Deutschland noch nicht eingeführt. Sie fasst die PTBS enger: Wiedererleben im Hier und Jetzt, Vermeidung und anhaltendes Gefühl gegenwärtiger Bedrohung müssen alle vorliegen, über mindestens einige Wochen. Neu ist die komplexe PTBS (6B41) als eigene Diagnose.

DSM-5-TR. Das amerikanische System, in Forschung und vielen Fragebögen verbreitet. Es kennt vier Symptomgruppen mit 20 Einzelsymptomen, darunter negative Veränderungen von Denken und Stimmung. Die Beschwerden müssen länger als einen Monat bestehen. Eine komplexe PTBS kennt das DSM nicht.

Die Systeme ergeben nicht immer dieselbe Diagnose. Weil die ICD-11 enger gefasst ist, erfüllen nach ihr in Studien meist etwas weniger Menschen die Kriterien als nach dem DSM. In der Praxis werden häufig DSM-basierte Instrumente wie CAPS-5 oder PCL-5 eingesetzt, kodiert wird dann nach ICD-10-GM. Das ist üblich und unproblematisch, solange die Befunde sauber dokumentiert sind.

Ablauf einer Abklärung

Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) beschreibt ein gestuftes Vorgehen. In der gesetzlichen Krankenversicherung findet die Abklärung meist in der psychotherapeutischen Sprechstunde und den anschließenden probatorischen Sitzungen statt, privat in den ersten Terminen.

1. Frage nach belastenden Ereignissen. Die Leitlinie empfiehlt, bei jeder psychodiagnostischen Erstabklärung von Erwachsenen zu erfassen, ob ein potenziell traumatisches Ereignis erlebt wurde. Das gilt auch, wenn jemand wegen ganz anderer Beschwerden kommt.

2. Traumaanamnese. Wird ein Ereignis berichtet oder ist es unklar, folgt eine genauere Anamnese. Gefragt wird, was ungefähr passiert ist, in welchem Alter und wie oft. Gibt es mehrere Ereignisse, wird das aktuell am stärksten belastende als Bezugspunkt gewählt.

3. Strukturiertes Interview oder Fragebogen. Liegt mindestens ein Ereignis vor, soll laut Leitlinie ein strukturiertes Interview oder ein validierter Fragebogen eingesetzt werden. Wenn möglich, ist das Interview vorzuziehen.

4. Begleiterkrankungen und Alltag. Weil eine PTBS selten allein kommt, wird auf Depression, Angst, Suchterkrankung, Schlafstörungen und dissoziative Beschwerden geachtet. Die Leitlinie empfiehlt außerdem, Lebensqualität und Funktionsniveau mitzuerfassen, also wie gut Arbeit, Beziehungen und Alltag gelingen.

5. Körperliche Abklärung. Eine Schilddrüsenüberfunktion, Herzrhythmusstörungen oder Substanzwirkungen können Anspannung und Herzrasen erklären oder verstärken. Die hausärztliche Praxis kann das bei Bedarf prüfen.

6. Befundgespräch. Die Ergebnisse werden besprochen, die Diagnose erklärt und ein nächster Schritt vereinbart. Eine Diagnose ohne Behandlungsplan hilft wenig.

Die Instrumente im Überblick

Die Leitlinie nennt für Deutschland ausdrücklich folgende Verfahren, jeweils in deutscher Version:

Strukturierte Interviews (bevorzugt)

  • CAPS-5 (Clinician-Administered PTSD Scale for DSM-5): das international am häufigsten genutzte Interview, orientiert an den DSM-5-Kriterien. Erfasst Häufigkeit und Stärke jedes Symptoms.
  • ITI (International Trauma Interview): orientiert an der ICD-11, erfasst PTBS und komplexe PTBS. Für die komplexe PTBS empfiehlt die Leitlinie das ITI als Interview.

Fragebögen zur Selbstauskunft

  • PCL-5 (PTSD Checklist for DSM-5): 20 Fragen, häufig für Screening und Verlaufsmessung.
  • PDS-5 (Posttraumatic Diagnostic Scale for DSM-5): erfasst Ereignis und Symptome nach DSM-5.
  • ITQ (International Trauma Questionnaire): kurzer Fragebogen nach ICD-11, unterscheidet PTBS und komplexe PTBS.

Ältere Fragebögen wie die IES-R sind in Praxen noch verbreitet, gehören aber nicht zu den Instrumenten, die die Leitlinie von 2026 empfiehlt. Wenn keine genaue Traumaanamnese möglich ist, sollen laut Leitlinie zumindest kurze Screeningfragebögen eingesetzt werden.

Differenzialdiagnose: was es noch sein kann

Akute Belastungsreaktion statt PTBS. Liegt das Ereignis erst Stunden oder wenige Tage zurück, handelt es sich meist um die vorübergehende Reaktion darauf. Mehr unter Akute Belastungsreaktion.

Anpassungsstörung statt PTBS. Sie folgt auf belastende Lebensereignisse wie Trennung oder Jobverlust, setzt aber kein außergewöhnlich bedrohliches Ereignis voraus. Typisches Wiedererleben fehlt meist.

Komplexe PTBS. Bestehen zusätzlich dauerhafte Probleme mit Gefühlsregulation, Selbstbild und Beziehungen, liegt nach ICD-11 eine komplexe PTBS nahe. Mehr unter Komplexe PTBS.

Depression. Nach Verlusten und schweren Belastungen können sich auch bei einer Depression Erinnerungen aufdrängen. Es fehlt aber meist das Erleben, als passiere das Ereignis gerade jetzt, und die gezielte Vermeidung. Häufig liegen beide Erkrankungen gleichzeitig vor.

Dissoziative Störungen. Stehen Erinnerungslücken, Entfremdungsgefühle oder körperliche Ausfälle ohne organische Ursache im Vordergrund, wird eine dissoziative Störung geprüft.

Borderline-Persönlichkeitsstörung. Besonders von der komplexen PTBS schwer abzugrenzen, beide können gemeinsam vorliegen.

Körperliche Ursachen und Substanzen. Schilddrüsenüberfunktion, Unterzuckerung, Herzrhythmusstörungen oder Substanzwirkung und Entzug können ähnliche Beschwerden erzeugen.

Traumaanamnese ohne Überforderung

Viele Menschen fürchten, in der Diagnostik alles erzählen zu müssen. Das ist nicht nötig. Gute Diagnostik folgt einigen Grundsätzen, die auch die Leitlinie beschreibt:

  • Sie behalten die Kontrolle. Tempo, Detailtiefe und Pausen bestimmen Sie mit.
  • Ein sicherer Rahmen. Eine ruhige, ungestörte Gesprächssituation, bei Bedarf mehr Abstand oder eine offene Tür. In der Videobehandlung gehört dazu ein Raum, in dem niemand mithört.
  • Gezielt nachfragen. Viele Betroffene berichten von sich aus nicht über ihre Symptome. Deshalb fragen Fachleute aktiv danach.
  • Kurzfristige Belastung ist möglich. Sich mit den eigenen Symptomen zu beschäftigen, kann vorübergehend aufwühlen. Laut Leitlinie hält das in der Regel nicht an.

Wann eine Abklärung sinnvoll ist

  • ein belastendes Ereignis ist bekannt und Beschwerden halten länger als etwa vier Wochen an
  • eine laufende Behandlung wegen Depression oder Angst wirkt nicht ausreichend
  • Albträume, Flashbacks oder Vermeidung schränken den Alltag ein
  • Anspannung oder Schreckhaftigkeit lassen sich körperlich nicht erklären
  • Alkohol, Cannabis oder Medikamente dienen dazu, die Beschwerden zu dämpfen

Eine erste Orientierung gibt unser PTBS-Selbsttest. Er ersetzt keine Diagnose, kann aber ein guter Ausgangspunkt für das Gespräch sein.

In der gesetzlichen Krankenversicherung ist die psychotherapeutische Sprechstunde der Einstieg, ohne Überweisung und mit Terminvermittlung über 116 117. Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen, die die Abklärung per Video durchführen, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei, private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs. Mehr unter Online-Psychotherapie und in der Therapeutensuche.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Am Anfang steht ein Gespräch über die aktuellen Beschwerden, ihre Dauer und ihre Folgen im Alltag. Dann wird behutsam erfragt, ob belastende Ereignisse vorliegen, ohne dass Sie Details erzählen müssen. Anschließend setzen Fachleute ein strukturiertes Interview oder einen validierten Fragebogen ein und prüfen Begleiterkrankungen. Körperliche Ursachen klärt bei Bedarf die hausärztliche Praxis.

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Quellen