Plötzlich fehlt eine Stunde. Die Umgebung wirkt wie durch eine Glasscheibe, die eigene Stimme klingt fremd. Oder ein Arm lässt sich nicht mehr bewegen, obwohl die Neurologin nichts findet. Solche Erfahrungen sind beängstigend, und viele Betroffene sprechen lange nicht darüber, aus Sorge, für verrückt gehalten zu werden. Dabei sind sie gut beschrieben und behandelbar.
Was ist Dissoziation?
Normalerweise arbeiten Erinnerung, Wahrnehmung, Gefühle, das Gefühl, ein bestimmter Mensch zu sein, und die Kontrolle über den Körper zusammen. Bei Dissoziation lockert sich dieser Zusammenhalt. Die ICD-10-GM beschreibt das als teilweisen oder völligen Verlust der normalen Integration von Erinnerung, Identitätsbewusstsein, unmittelbaren Empfindungen und Körperbewegungen.
Dissoziation ist zunächst etwas Alltägliches. Wer beim Autofahren gedanklich abschweift und sich an die letzten Kilometer kaum erinnert, kennt eine milde Form. In akuter Gefahr kann Dissoziation sogar schützen: Gefühle und Schmerz werden gedämpft, das Erleben wirkt unwirklich, und der Körper funktioniert weiter. Zu einer Störung wird Dissoziation, wenn sie häufig, unkontrollierbar und belastend wird oder den Alltag einschränkt, oft lange nachdem die ursprüngliche Gefahr vorbei ist.
Welche Formen gibt es?
In Deutschland wird nach der ICD-10-GM (Version 2026) diagnostiziert. Sie fasst die meisten Formen unter F44 “Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen)” zusammen:
- Dissoziative Amnesie (F44.0): Erinnerungsverlust für wichtige, meist belastende Ereignisse, der über normale Vergesslichkeit hinausgeht und keine körperliche Ursache hat. Meist ist er unvollständig und betrifft bestimmte Abschnitte.
- Dissoziative Fugue (F44.1): zusätzlich eine zielgerichtete Ortsveränderung, etwa eine Reise, an die später keine Erinnerung besteht. Für Außenstehende wirkt das Verhalten in dieser Zeit oft ganz normal.
- Dissoziativer Stupor (F44.2): Erstarrung, kaum Bewegung und Reaktion auf Ansprache, ohne körperliche Ursache.
- Trance- und Besessenheitszustände (F44.3): unfreiwillige Zustände mit verändertem Identitätserleben außerhalb religiöser oder kultureller Rituale.
- Dissoziative Bewegungsstörungen (F44.4), Krampfanfälle (F44.5) sowie Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F44.6): Lähmungen, Gangstörungen, Stimmverlust, Anfälle, Taubheit oder Sehstörungen, die neurologischen Erkrankungen ähneln, sich aber nicht durch sie erklären lassen.
- Multiple Persönlichkeit (F44.81), heute meist dissoziative Identitätsstörung genannt: zwei oder mehr unterscheidbare Persönlichkeitszustände, verbunden mit Erinnerungslücken für Alltagsereignisse.
Das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom ordnet die ICD-10-GM unter F48.1 bei den “anderen neurotischen Störungen” ein. Betroffene erleben sich selbst als fremd, wie von außen beobachtet, oder die Umwelt als unwirklich, ohne dass ihr Realitätsbezug verloren geht. Sie wissen also, dass es sich nur so anfühlt.
Die neue ICD-11, international seit 2022 in Kraft, in Deutschland aber noch nicht eingeführt, ordnet manches neu. Sie fasst die Depersonalisation zu den dissoziativen Störungen, führt die Fugue als Unterform der dissoziativen Amnesie und spricht bei körperlichen Ausfällen von einer dissoziativen Störung mit neurologischen Symptomen. In der Neurologie ist dafür auch der Begriff funktionelle neurologische Störung verbreitet.
Woran man dissoziative Störungen im Alltag erkennt
Dissoziative Symptome sind oft unauffällig für andere und schwer in Worte zu fassen. Typisch sind:
- Erinnerungslücken für Stunden, Gespräche oder Abschnitte der eigenen Biografie
- an einem Ort sein, ohne zu wissen, wie man dorthin gekommen ist
- Dinge vorfinden, die man gekauft oder geschrieben hat, ohne sich zu erinnern
- das Gefühl, neben sich zu stehen, wie im Film, ferngesteuert oder emotional taub
- eine Umgebung, die flach, neblig, zu laut oder unwirklich wirkt
- Lähmungen, Zittern, Anfälle, Stimmverlust oder Taubheit ohne organischen Befund
- bei der dissoziativen Identitätsstörung: das Gefühl, dass andere Anteile denken, sprechen oder handeln, Stimmen im Kopf, deutliche Wechsel in Vorlieben oder Fähigkeiten
Viele Betroffene kommen zunächst wegen anderer Beschwerden in Behandlung, etwa wegen Depression, Angst, Schlafstörungen oder unklarer Anfälle.
Warum entstehen dissoziative Störungen?
Fachleute verstehen Dissoziation als Reaktion auf überwältigende Belastung. Die ICD-10-GM beschreibt einen engen zeitlichen Zusammenhang mit traumatisierenden Ereignissen, unlösbaren Konflikten oder gestörten Beziehungen. Bei der dissoziativen Identitätsstörung berichten laut MSD Manual 70 bis 100 Prozent der Betroffenen von schwerem, wiederholtem Missbrauch in der Kindheit. Bei der Depersonalisation spielen neben Belastungen auch Drogen wie Cannabis, Ketamin oder Halluzinogene eine Rolle.
Wie häufig die einzelnen Formen sind, wie sie verlaufen und welche Faktoren das Risiko erhöhen, beschreibt Dissoziative Störungen: Häufigkeit, Verlauf und Ursachen. Weil Dissoziation häufig mit Traumafolgen einhergeht, lohnt auch ein Blick auf PTBS und komplexe PTBS.
Wie wird eine dissoziative Störung festgestellt?
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch, oft ergänzt durch Fragebögen und strukturierte Interviews. Körperliche Ursachen wie Epilepsie, Hirnverletzungen, Substanzen oder Stoffwechselstörungen werden ärztlich ausgeschlossen. Wichtig ist außerdem die Abgrenzung zu PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Psychosen. Den Ablauf beschreibt Dissoziative Störungen: Diagnose.
Wie werden dissoziative Störungen behandelt?
Psychotherapie ist die wichtigste Behandlung. Für dissoziative Störungen gibt es keine eigene deutsche S3-Leitlinie. Die Behandlung orientiert sich an der Form:
- Dissoziative Symptome bei PTBS: Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) empfiehlt traumafokussierte Therapie. Eine vorbereitende Phase hält sie nur bei besonderen Indikationen für angezeigt, etwa bei schwerer Dissoziation, die den Therapiefortschritt behindert.
- Dissoziative Identitätsstörung: Internationale Behandlungsleitlinien beschreiben ein phasenorientiertes Vorgehen aus Sicherheit und Stabilisierung, Bearbeitung traumatischer Erinnerungen sowie Integration und Neuorientierung, meist über Jahre.
- Depersonalisation und Derealisation: kognitiv-verhaltenstherapeutische und psychodynamische Ansätze, Erdungstechniken. Ein Medikament mit eindeutig belegter Wirkung gibt es laut MSD Manual nicht.
- Dissoziative Bewegungsstörungen und Anfälle: eine klare Erklärung der Diagnose, Psychotherapie und oft Physiotherapie, in enger Zusammenarbeit mit der Neurologie.
Spezifische Medikamente gegen Dissoziation gibt es nicht. Begleitende Depressionen oder Angststörungen können medikamentös mitbehandelt werden. Details unter Dissoziative Störungen: Psychotherapie als Behandlung.
Was Sie jetzt tun können
- Ernst nehmen, was Sie erleben. Dissoziative Zustände sind keine Einbildung und kein Zeichen von Schwäche.
- Notieren, wann die Zustände auftreten, wie lange sie dauern und was vorher war. Das hilft später in der Diagnostik.
- Körperliche Ursachen abklären lassen, besonders bei Anfällen, Lähmungen oder neuen Gedächtnislücken.
- Mit einer Fachperson sprechen, am besten mit Erfahrung in Traumafolgestörungen. In der gesetzlichen Krankenversicherung ist die psychotherapeutische Sprechstunde ohne Überweisung zugänglich, Termine vermittelt die 116 117.
Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen für eine Psychotherapie per Video, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Bei starken dissoziativen Symptomen, die den Therapiefortschritt behindern, gibt die S3-Leitlinie PTBS allerdings der Behandlung vor Ort den Vorzug. Ob Video für Sie passt, klären Sie am besten im ersten Gespräch. Mehr unter Online-Psychotherapie.
Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.
Häufige Fragen
Was ist eine dissoziative Störung? +
Bei einer dissoziativen Störung gehen Funktionen, die normalerweise zusammenarbeiten, zeitweise auseinander: Erinnerung, Wahrnehmung, Identitätsgefühl und die Kontrolle über Bewegungen. Betroffene haben zum Beispiel Erinnerungslücken, fühlen sich wie hinter Glas oder erleben Lähmungen und Anfälle ohne körperliche Ursache. Meist besteht ein Zusammenhang mit schweren Belastungen.
Ist Dissoziation immer krankhaft? +
Nein. Leichte Dissoziation kennen fast alle Menschen, etwa wenn man beim Autofahren gedanklich abschweift und sich an die Strecke kaum erinnert. Auch in akuter Gefahr kann Dissoziation kurzfristig schützen. Von einer Störung spricht man, wenn die Zustände häufig, ausgeprägt und belastend sind oder den Alltag einschränken.
Welche Formen dissoziativer Störungen gibt es? +
Die ICD-10-GM nennt unter anderem dissoziative Amnesie, dissoziative Fugue, dissoziativen Stupor, Trance- und Besessenheitszustände, dissoziative Bewegungsstörungen, dissoziative Krampfanfälle, Sensibilitätsstörungen und die multiple Persönlichkeitsstörung, heute dissoziative Identitätsstörung genannt. Das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom wird dort an anderer Stelle eingeordnet.
Was ist eine dissoziative Identitätsstörung? +
Die dissoziative Identitätsstörung, früher multiple Persönlichkeitsstörung, ist die schwerste Form. Betroffene erleben zwei oder mehr unterscheidbare Persönlichkeitszustände und haben Erinnerungslücken für Alltagsereignisse. Sie steht fast immer mit schweren, wiederholten Traumatisierungen in der Kindheit in Verbindung.
Sind dissoziative Störungen heilbar? +
Sie sind behandelbar, und viele Formen bessern sich deutlich. Dissoziative Amnesien bilden sich oft zurück, bei der dissoziativen Identitätsstörung braucht es meist eine längere, spezialisierte Psychotherapie. Ein Heilversprechen gibt es nicht, aber gute Gründe für Zuversicht.
Quellen:
Wichtiger Hinweis
Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte
Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.