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EMDR

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch etwa Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen) ist eine Methode der Traumatherapie. Hier erfahren Sie, wie EMDR abläuft, was über die Wirkweise bekannt ist, für wen die Methode empfohlen wird und wann Krankenkassen sie bezahlen.

Emil Herrling
Emil Herrling
  • 16. April 2025
  • Aktualisiert: 4. Oktober 2026
  • 7 min read

Medizinisch geprüft von

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

EMDR: eine Methode der Traumatherapie

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Die amerikanische Psychologin Francine Shapiro hat die Methode Ende der 1980er-Jahre entwickelt, zunächst für Menschen mit belastenden Erinnerungen nach schweren Traumatisierungen. Heute gehört EMDR zu den am besten untersuchten Verfahren in der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Das Kernstück ist die bilaterale Stimulation: Während Sie sich auf eine belastende Erinnerung konzentrieren, folgen Sie mit den Augen den Handbewegungen der Therapeut:in. Statt Augenbewegungen können auch abwechselnde Töne über Kopfhörer oder leichtes Tippen auf Hände oder Knie eingesetzt werden. In kurzen Durchgängen wird die Erinnerung so bearbeitet, bis sie an Belastung verliert.

EMDR ist kein eigenes Psychotherapieverfahren, sondern eine Methode, die in eine umfassende Behandlung eingebettet wird. In der Kassenversorgung geschieht das innerhalb der Verhaltenstherapie, der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, der analytischen oder der Systemischen Therapie. Einen Überblick über alle traumafokussierten Verfahren gibt Traumatherapie.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Wie EMDR wirkt

Wie genau EMDR wirkt, ist nicht abschließend geklärt. Klar ist: Traumaerinnerungen sind oft bruchstückhaft und sinnlich gespeichert und fühlen sich deshalb beim Abruf an, als passiere das Ereignis gerade jetzt. EMDR soll helfen, sie so zu verarbeiten, dass sie als vergangen erlebt werden.

Zwei Erklärungen werden diskutiert:

  • Arbeitsgedächtnis: Wer gleichzeitig eine Erinnerung festhält und den Augenbewegungen folgt, lastet das Arbeitsgedächtnis doppelt aus. Die Erinnerung wird dabei weniger lebhaft und weniger belastend und so neu abgespeichert. Für diese Erklärung gibt es experimentelle Hinweise.
  • Informationsverarbeitung: Shapiro selbst ging davon aus, dass die Stimulation natürliche Verarbeitungsprozesse anstößt, ähnlich wie man es für den REM-Schlaf vermutet. Diese Annahme ist weniger gut belegt.

Unabhängig vom Mechanismus ist die Wirksamkeit bei PTBS in vielen kontrollierten Studien gezeigt. Ob die Augenbewegungen selbst zur Wirkung beitragen oder vor allem die strukturierte Auseinandersetzung mit der Erinnerung, ist in der Forschung umstritten.

Für wen EMDR empfohlen wird

Posttraumatische Belastungsstörung bei Erwachsenen. Hier ist die Studienlage am stärksten. Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) nennt EMDR neben kognitiver Therapie, Cognitive Processing Therapy, narrativer Expositionstherapie und prolongierter Exposition als eines der fünf traumafokussierten Verfahren, die sie wegen robuster Evidenz ausdrücklich empfiehlt. Laut IQWiG hat nach EMDR oder traumafokussierter Verhaltenstherapie etwa die Hälfte der Behandelten keine PTBS mehr.

Komplexe PTBS. Auch bei Menschen mit Symptomen einer komplexen PTBS zeigt EMDR in Studien Wirkung auf die PTBS-Beschwerden (Karatzias et al., 2019). Die Leitlinie empfiehlt hier, traumafokussierte Methoden mit Arbeit an Gefühlsregulation, Selbstwert und Beziehungen zu kombinieren.

Kinder und Jugendliche. Die Leitlinie führt EMDR als Verfahren mit weiterer Evidenz, die umfangreichste Studienlage hat bei Kindern und Jugendlichen allerdings die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. In der Kassenversorgung ist EMDR als Methode bisher nur für Erwachsene anerkannt.

Andere Beschwerden. EMDR wird auch bei Ängsten, Depressionen, belastenden Erinnerungen ohne volle PTBS oder chronischen Schmerzen eingesetzt und erforscht. Die Studienlage ist dort deutlich schwächer. Ob EMDR in solchen Fällen sinnvoll ist, sollte im Einzelfall besprochen werden.

Voraussetzungen für eine EMDR-Behandlung

  • Qualifizierte Behandler:in. EMDR sollte von approbierten Psychotherapeut:innen oder ärztlichen Psychotherapeut:innen mit einer spezifischen EMDR-Ausbildung durchgeführt werden. In der Kassenversorgung verlangt die Psychotherapie-Richtlinie eine Qualifikation in der Behandlung der PTBS einschließlich EMDR.
  • Sorgfältige Diagnostik. Vorher wird geklärt, ob eine PTBS oder eine andere Traumafolgestörung vorliegt und welche Begleiterkrankungen bestehen. Mehr unter PTBS: Diagnose.
  • Äußere Sicherheit. Besteht noch Kontakt zu einer gewaltausübenden Person oder eine akute Bedrohung, steht zuerst der Schutz im Vordergrund.
  • Keine akute Krise. Bei akuter Suizidalität oder schwerer Dissoziation, die die Arbeit behindert, wird zuerst daran gearbeitet. Eine lange Stabilisierungsphase ist laut S3-Leitlinie bei PTBS aber nicht generell nötig, die traumafokussierte Arbeit kann meist früh beginnen.

Die acht Phasen einer EMDR-Behandlung

EMDR folgt einem festen Protokoll in acht Phasen. Die ersten beiden finden einmal zu Beginn statt, die Phasen drei bis acht wiederholen sich für jede Erinnerung, die bearbeitet wird.

1. Vorgeschichte und Behandlungsplan. Die Therapeut:in erfasst Beschwerden, Lebenssituation und belastende Erfahrungen. Gemeinsam legen Sie fest, welche Erinnerungen bearbeitet werden sollen, oft beginnend mit denen, die am stärksten mit den heutigen Beschwerden verbunden sind.

2. Vorbereitung. Sie erfahren, wie EMDR abläuft und was währenddessen passieren kann. Dazu lernen Sie einfache Techniken, um sich bei Bedarf zu beruhigen, etwa die Vorstellung eines sicheren Ortes oder Übungen, die die Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt holen. Vereinbart wird auch ein Stoppsignal.

3. Einschätzung der Erinnerung. Sie benennen das belastendste Bild, den negativen Gedanken über sich selbst, der damit verbunden ist (etwa „ich bin hilflos“), und den Gedanken, den Sie stattdessen gern glauben würden (etwa „ich habe es überstanden“). Die Belastung wird auf einer Skala von 0 bis 10 eingeschätzt, dazu die Körperempfindungen.

4. Verarbeitung. Der Kern der Methode. Sie halten Bild, Gedanken und Körpergefühl im Bewusstsein, während die bilaterale Stimulation in kurzen Durchgängen läuft. Nach jedem Durchgang fragt die Therapeut:in kurz, was Ihnen gerade auffällt. Gedanken, Bilder und Gefühle dürfen kommen und gehen. Das wird wiederholt, bis die Belastung deutlich gesunken ist, idealerweise auf 0 oder 1.

5. Verankerung. Der hilfreiche Gedanke aus Phase 3 wird mit der nun weniger belastenden Erinnerung verbunden und mit weiteren Durchgängen gestärkt, bis er sich glaubwürdig anfühlt.

6. Körpertest. Sie gehen in Gedanken durch den Körper und achten auf verbliebene Anspannung. Wenn nötig, folgen weitere kurze Durchgänge.

7. Abschluss. Jede Sitzung endet so, dass Sie sich wieder stabil fühlen. Die Therapeut:in bespricht, dass die Verarbeitung nachwirken kann, etwa durch Träume oder neue Erinnerungen, und wie Sie damit umgehen.

8. Überprüfung. Die nächste Sitzung beginnt mit einem Rückblick: Ist die bearbeitete Erinnerung weiterhin entlastet? Ist Neues aufgetaucht? Danach wird entschieden, ob weitergearbeitet oder eine neue Erinnerung gewählt wird.

Was Sie während und nach EMDR erleben können

Viele Menschen berichten, dass eine Erinnerung schon nach wenigen Verarbeitungssitzungen ihre Wucht verliert: Sie ist noch da, löst aber nicht mehr dieselbe Angst, Scham oder körperliche Reaktion aus. Gedanken wie „ich bin schuld“ verändern sich oft gleich mit.

Während der Verarbeitung können starke Gefühle auftauchen, das ist erwartbar und wird in der Sitzung aufgefangen. In den Tagen danach berichten manche von intensiveren Träumen, auftauchenden Erinnerungen oder Müdigkeit. Diese Reaktionen klingen meist ab. Sprechen Sie sie in der nächsten Sitzung an.

EMDR ist keine Wundermethode. Wie viele Sitzungen nötig sind, hängt davon ab, ob es um ein einzelnes Ereignis oder um viele Erfahrungen über Jahre geht, und davon, welche Begleiterkrankungen bestehen. Nicht alle Menschen sprechen gleich gut an. Dann lohnt es, mit der Therapeut:in über ein anderes traumafokussiertes Verfahren zu sprechen.

Kosten und Kostenübernahme

Gesetzliche Krankenversicherung. Seit einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses vom Oktober 2014 ist EMDR bei Erwachsenen mit PTBS als Methode innerhalb der Richtlinienverfahren anerkannt. Heute nennt die Psychotherapie-Richtlinie Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte, analytische und Systemische Therapie. Der Weg führt über die psychotherapeutische Sprechstunde, ohne Überweisung und mit Terminvermittlung über 116 117.

Private Krankenversicherung und Beihilfe. Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs. Mehr unter Psychotherapie für Privatversicherte.

Selbstzahlende. Ohne Antrag und Wartezeit auf einen Kassenplatz, abgerechnet nach der Gebührenordnung. Mehr unter Psychotherapie als Selbstzahler:in.

EMDR online

EMDR lässt sich per Video durchführen. Die Augenbewegungen werden über einen sich bewegenden Punkt oder die Hand der Therapeut:in auf dem Bildschirm angeleitet, alternativ klopfen Sie sich selbst abwechselnd auf Oberarme oder Knie. Die S3-Leitlinie PTBS hält traumafokussierte Psychotherapie per Video bei entsprechender Präferenz für eine Option. Speziell zu EMDR per Video gibt es weniger Studien als zur Videotherapie insgesamt.

Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen, die per Video behandeln, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Nicht alle bieten EMDR an. Im kostenfreien Kennenlerngespräch können Sie klären, ob die Therapeut:in eine EMDR-Ausbildung hat oder mit einem anderen traumafokussierten Verfahren arbeitet. Mehr unter Online-Psychotherapie und in der Therapeutensuche.

Häufige Fragen

Was ist EMDR? +

EMDR ist eine Methode der Traumatherapie, die Francine Shapiro Ende der 1980er-Jahre entwickelt hat. Während Sie sich auf eine belastende Erinnerung konzentrieren, folgen Sie mit den Augen den Handbewegungen der Therapeut:in oder nehmen abwechselnde Töne oder Berührungen wahr. Ziel ist, dass die Erinnerung an Belastung verliert und als vergangen erlebt wird.

Wie wirksam ist EMDR? +

Für die posttraumatische Belastungsstörung gut belegt. Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) zählt EMDR zu den fünf traumafokussierten Verfahren, die sie wegen der robusten Studienlage ausdrücklich empfiehlt. Laut IQWiG hat nach EMDR oder traumafokussierter Verhaltenstherapie etwa die Hälfte der Behandelten keine PTBS mehr. Für andere Beschwerden ist die Studienlage deutlich schwächer.

Wie viele EMDR-Sitzungen braucht man? +

Das hängt vor allem davon ab, wie viele belastende Erinnerungen es gibt. Nach einem einzelnen Ereignis spüren viele Menschen schon nach wenigen Verarbeitungssitzungen eine deutliche Entlastung. Bei mehreren Traumata, früher Gewalt oder komplexer PTBS dauert die Behandlung länger. Vorgespräche und Diagnostik kommen jeweils hinzu.

Zahlt die Krankenkasse EMDR? +

Ja, bei Erwachsenen mit posttraumatischer Belastungsstörung. Nach der Psychotherapie-Richtlinie kann EMDR dann als Methode innerhalb von Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter, analytischer oder Systemischer Therapie eingesetzt werden, wenn die Behandler:in dafür qualifiziert ist. Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs.

Kann EMDR auch online stattfinden? +

Ja. Die Augenbewegungen lassen sich über einen Punkt oder die Hand der Therapeut:in auf dem Bildschirm anleiten, alternativ wird abwechselndes Klopfen eingesetzt. Die S3-Leitlinie hält traumafokussierte Psychotherapie per Video bei entsprechender Präferenz für eine Option. Speziell zu EMDR per Video gibt es weniger Studien als zur Videotherapie insgesamt.

Wichtiger Hinweis

Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.