Was ist ADHS?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die deutsche S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0) beschreibt drei Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Sie treten in einem für Alter und Entwicklung ungewöhnlichen Ausmaß auf, zeigen sich in mehreren Lebensbereichen und führen zu deutlichem Leiden oder Einschränkungen in Beruf, Ausbildung oder Beziehungen. Die Störung beginnt typischerweise in der Kindheit und besteht in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter fort.
Nicht bei allen stehen alle drei Bereiche im Vordergrund. Das US-amerikanische Diagnosemanual DSM-5 unterscheidet drei Erscheinungsbilder: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert. Die vorwiegend unaufmerksame Form wird umgangssprachlich oft ADS genannt. In Deutschland wird nach der ICD-10-GM kodiert, meist als F90.0 “Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung”, die Form ohne Hyperaktivität unter F98.80. Die neue ICD-11 übernimmt die drei Erscheinungsbilder, ist in Deutschland aber noch nicht eingeführt.
Wie häufig ist ADHS bei Erwachsenen?
Laut S3-Leitlinie liegen weltweite Schätzungen für Erwachsene bei 2,58 % beziehungsweise 2,8 %. Auch im mittleren und höheren Alter ist ADHS kein Randthema: Neuere Studien schätzen die Häufigkeit bei 40- bis 59-Jährigen auf 3,1 % und bei 60- bis 80-Jährigen auf 2,1 %.
Diagnostiziert wird ADHS bei Erwachsenen deutlich seltener, aber zunehmend. Bei der AOK Rheinland/Hamburg hatten 2024 rund 0,65 % der volljährigen Versicherten eine ADHS-Diagnose, 2014 waren es 0,23 %. Der Anteil der Frauen an den Diagnosen stieg im selben Zeitraum von 32,7 % auf 39,4 % (Pressemitteilung vom 10.07.2026).
Dass ADHS mit dem Erwachsenwerden verschwindet, stimmt meist nicht. Nach Angaben des Gesundheitsportals des Bundesgesundheitsministeriums haben 50 bis 80 % der Erwachsenen, die als Kind ADHS hatten, zumindest teilweise noch Symptome. Etwa 15 % erfüllen auch als Erwachsene noch alle Diagnosekriterien.
Wie zeigt sich ADHS bei Erwachsenen?
Mit dem Alter verändert sich das Bild. Die sichtbare Hyperaktivität nimmt oft ab und wird zu innerer Unruhe. Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Schwierigkeiten mit den eigenen Gefühlen treten in den Vordergrund.
Unaufmerksamkeit und Organisation
- leicht ablenkbar, besonders bei Routineaufgaben
- Fristen, Termine und Rechnungen geraten aus dem Blick
- viele Aufgaben angefangen, wenige abgeschlossen
- Dinge verlegen, Unpünktlichkeit
- chronisches Aufschieben, auch bei wichtigen Aufgaben
Unruhe und Impulsivität
- das Gefühl, ständig “unter Strom” zu stehen
- Schwierigkeiten, still zu sitzen oder abzuschalten
- andere unterbrechen, vorschnell entscheiden
- spontane Käufe, abrupte Jobwechsel oder Trennungen
Gefühle und Selbstbild
- schnelle Reizbarkeit und rasche Stimmungsschwankungen
- geringe Frustrationstoleranz
- erschöpft vom ständigen Ausgleichen der eigenen Schwierigkeiten
- ein angeschlagenes Selbstwertgefühl nach Jahren mit Sätzen wie “Du müsstest dich nur mehr anstrengen”
Viele Erwachsene haben gelernt, ihre Symptome mit großem Aufwand zu überdecken, etwa mit Listen, Überstunden oder sehr viel Kontrolle. Das funktioniert oft lange, bis neue Anforderungen hinzukommen: der Berufseinstieg, eine Führungsrolle, ein Kind. Dann wird die Belastung sichtbar.
Einen ersten Anhaltspunkt bietet unser ADHS-Test für Erwachsene. Er stellt keine Diagnose, kann aber helfen, das Gespräch mit einer Fachperson vorzubereiten.
ADHS bei Frauen: oft übersehen
ADHS wird bei Jungen in der Kindheit deutlich häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. Mädchen zeigen oft andere Symptome, die weniger sichtbar sind und seltener als störend auffallen. Viele Frauen erhalten die Diagnose deshalb erst als Erwachsene, nicht selten nach Jahren, in denen Erschöpfung, Ängste oder Depressionen im Vordergrund standen. Die steigenden Diagnosezahlen bei Frauen deuten darauf hin, dass sich das gerade ändert.
Ursachen: Wie entsteht ADHS?
Die S3-Leitlinie beschreibt eine multifaktorielle Entstehung. Eine große Rolle spielt die genetische Veranlagung: Die hohe Erblichkeit ist in vielen Familien- und Zwillingsstudien belegt. Hinzu kommen Einflüsse vor, während und kurz nach der Geburt sowie deren Wechselwirkung mit der Veranlagung. ADHS tritt deshalb in Familien gehäuft auf. Nicht selten fällt die eigene ADHS erst auf, wenn ein Kind die Diagnose erhält.
Was ADHS nicht verursacht: Faulheit, fehlende Disziplin oder Erziehungsfehler. Die Leitlinie weist zugleich darauf hin, dass der Anstieg der Diagnosen in den letzten Jahrzehnten auch mit kulturellen Faktoren und veränderten Bewertungsmaßstäben zu tun hat. Umso wichtiger ist eine sorgfältige Diagnostik.
Folgen und Begleiterkrankungen
ADHS tritt selten allein auf. Laut S3-Leitlinie haben bis zu 85 % der Betroffenen mindestens eine weitere psychische Erkrankung, in 60 % der Fälle sogar mehrere. Die AOK Rheinland/Hamburg berichtet, dass mehr als die Hälfte der erwachsenen Patient:innen zusätzlich eine Depression oder Angststörung entwickelt.
Häufige Begleiterkrankungen bei Erwachsenen:
- Depressionen und Angststörungen, oft als Folge jahrelanger Überforderung. Mehr dazu unter Depression.
- Sucht: Rauchen, Alkohol und Drogen sind bei Erwachsenen mit ADHS häufiger. Laut Leitlinie kann eine Behandlung mit Stimulanzien das Risiko einer Suchtentwicklung senken.
- Bipolare Störung: Je nach Studie haben 3 bis 14 % der Erwachsenen mit ADHS auch eine bipolare Störung.
- Essstörungen und Schlafprobleme.
Unbehandelt kann ADHS Ausbildung, Beruf, Finanzen und Partnerschaften belasten. Diese Folgen sind kein festes Schicksal. Genau hier setzt die Behandlung an.
Diagnose: Wer stellt ADHS bei Erwachsenen fest?
Zuständig sind laut Leitlinie Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, Nervenheilkunde oder psychosomatische Medizin sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeut:innen. Die Diagnose stützt sich auf ein ausführliches klinisches Interview, die Entwicklungsgeschichte seit der Kindheit, Fragebögen und den Ausschluss anderer Ursachen. Eine körperliche Untersuchung gehört immer dazu. Wie das genau abläuft, welche Unterlagen helfen und was die Diagnostik kostet, beschreibt der Beitrag ADHS-Diagnose bei Erwachsenen.
Behandlung: Was hilft bei ADHS im Erwachsenenalter?
Die Leitlinie empfiehlt ein multimodales Gesamtkonzept, das sich nach dem Schweregrad richtet. Grundlage ist immer die Psychoedukation, also eine ausführliche Aufklärung über ADHS. Bei leichter ADHS steht die psychosoziale Behandlung im Vordergrund, bei mittelgradiger kommen Psychotherapie, Medikamente oder beides in Frage, bei schwerer ADHS werden in der Regel Medikamente angeboten, meist kombiniert mit Psychotherapie. Details zu Verhaltenstherapie, Medikamenten und Alltagsstrategien finden Sie im Beitrag ADHS bei Erwachsenen: Behandlung.
Was Sie jetzt tun können
- Beobachten und aufschreiben: Notieren Sie zwei Wochen lang, wann Konzentration, Unruhe und Stimmung besonders auffallen und was es Sie im Alltag kostet.
- Kindheit rekonstruieren: Alte Zeugnisse, Berichte von Eltern oder Geschwistern und eigene Erinnerungen an die Schulzeit sind für die Diagnostik wertvoll.
- Abklärung anstoßen: Ihre Hausärzt:in kann eine erste Einschätzung vornehmen und körperliche Ursachen prüfen. Die Diagnostik erfolgt dann fachärztlich oder psychotherapeutisch.
- Begleitung suchen: Auch vor oder während der Diagnostik kann Psychotherapie helfen, mit Überforderung, Selbstzweifeln oder einer begleitenden Depression umzugehen.
Psychotherapie bei ADHS online
Bei Therapy Lift arbeiten approbierte Psychotherapeut:innen per Video, einige mit Schwerpunkt ADHS bei Erwachsenen. Verhaltenstherapeutische Strategien für Struktur, Zeitmanagement und Emotionsregulation lassen sich gut dort üben, wo sie gebraucht werden: zu Hause und am eigenen Arbeitsplatz. Medikamente verordnen Psychotherapeut:innen nicht, das bleibt Aufgabe von Fachärzt:innen. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei, einen Termin bekommen Sie oft innerhalb weniger Tage über die Therapeut:innensuche. Wie Online-Therapie im ADHS-Alltag konkret aussehen kann, beschreibt unser Ratgeber ADHS bei Erwachsenen: Symptome, Diagnose und Online-Therapie.