Ängste überwinden in einer sicheren, virtuellen Umgebung
Virtual Reality klingt für viele nach Videospielen oder futuristischer Technik. In der Psychotherapie wird sie aber zunehmend genutzt, vor allem bei der Behandlung von Ängsten. Dort kann sie eine bewährte Methode sinnvoll ergänzen: die Expositionstherapie.
Was ist Virtual Reality überhaupt?
Virtual Reality (kurz: VR) ist eine computergenerierte Umgebung, in die man mit einer VR-Brille eintaucht. Man sieht und hört nicht mehr die reale Welt, sondern befindet sich in einem virtuellen Raum, der sehr echt wirken kann, ohne den Therapieraum zu verlassen. Genau das macht VR für die Psychotherapie interessant.
Wie kann VR in der Therapie helfen?
Ein klassisches Beispiel ist die Angst vor Spinnen (Arachnophobie). Für Betroffene bedeutet schon der Gedanke an eine Spinne oft starken Stress. Manche meiden bestimmte Orte oder Aktivitäten, aus Angst, einer Spinne zu begegnen. Hier setzt VR an:
Statt direkt mit einer echten Spinne konfrontiert zu werden, kann man in der virtuellen Welt langsam, Schritt für Schritt, lernen, mit der Angst umzugehen.
Zuerst sieht man vielleicht nur eine weit entfernte Spinne. Mit der Zeit wird die Situation herausfordernder, aber immer kontrolliert. Die Therapeut:in kann jede Stufe wiederholen, anhalten oder zurückgehen und passt das Tempo an.
Dieses Vorgehen nennt man Expositionstherapie. Sie ist ein Kernbestandteil der Verhaltenstherapie und gilt seit Jahrzehnten als besonders wirksam bei Angststörungen. VR erweitert sie um Situationen, die in der Realität schwer herzustellen sind, etwa einen Flug, einen Vortrag vor Publikum oder einen Blick von einem hohen Gebäude.
Wie läuft eine VR-Expositionstherapie ab?
Ein typischer Ablauf sieht so aus:
- Vorbereitung: Gemeinsam mit der Therapeut:in werden die Angst und die auslösenden Situationen genau besprochen und eine Stufenleiter von leicht bis schwer erstellt.
- Übung in der VR-Brille: Sie begegnen der Situation zunächst auf einer niedrigen Stufe und bleiben so lange, bis die Angst spürbar nachlässt.
- Steigerung: Schritt für Schritt geht es zu schwierigeren Stufen. Die Therapeut:in begleitet Sie dabei die ganze Zeit.
- Übertragung in den Alltag: Wo möglich, folgen Übungen in der realen Situation, damit sich das Gelernte festigt.
In Studien zu spezifischen Phobien wurden oft nur ein bis fünf Sitzungen durchgeführt. Wie lange eine Behandlung dauert, hängt aber von der Schwere und von weiteren Beschwerden ab.
Für welche Beschwerden eignet sich VR-Therapie?
Am besten untersucht ist VR bei spezifischen Phobien wie Spinnen-, Höhen- oder Flugangst. Darüber hinaus gibt es Studien zu:
- Sozialer Angst (zum Beispiel Angst vor Vorträgen oder Menschenmengen)
- Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)
- Panikstörung, mit und ohne Agoraphobie
Auch bei anderen Beschwerden wird VR erforscht, etwa bei Psychosen, Essstörungen oder Suchterkrankungen. Hier steht die Forschung aber noch am Anfang. Eine Übersicht über die ersten 20 Jahre Forschung kam zu dem Schluss, dass die Methodik vieler Studien noch schwach ist und die am besten belegte Anwendung die Expositionstherapie bei Angststörungen bleibt (Freeman und Kolleg:innen, 2017).
Ob Ihre Angst zu einer bestimmten Phobie passt, können Sie mit dem Selbsttest zur spezifischen Phobie erkunden. Eine Diagnose ersetzt er nicht. Einen Überblick über Behandlungswege gibt die Seite Angststörung: Behandlung.
Ist das wissenschaftlich belegt?
Bei Angststörungen ja. Eine Metaanalyse von 30 randomisierten Studien mit über 1.000 Teilnehmenden fand für VR-Expositionstherapie große Effekte im Vergleich zu Wartelisten. Im direkten Vergleich mit Exposition in der realen Situation zeigte sich kein signifikanter Unterschied (Carl und Kolleg:innen, 2019). Die meisten dieser Studien betrafen spezifische Phobien.
Auch die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (Stand 2021) greift VR auf:
- Bei Spinnen-, Höhen- oder Flugphobie soll eine VR-Expositionstherapie angeboten werden, wenn eine Exposition in der realen Situation nicht verfügbar oder möglich ist.
- Bei sozialer Phobie kann sie begleitend zu einer Psychotherapie angeboten werden, aber nicht als alleinige Behandlung.
Grenzen und Nebenwirkungen
VR ist ein Werkzeug innerhalb einer Psychotherapie, kein Ersatz für sie. Ein paar Punkte gehören zu einem realistischen Bild:
- Cybersickness: Manche Menschen bekommen in der VR-Brille Schwindel oder Übelkeit. Die S3-Leitlinie nennt dafür etwa zehn Prozent der Fälle.
- Verfügbarkeit: Nicht jede Praxis arbeitet mit VR, und die Programme decken nur bestimmte Situationen ab.
- Begleitung: Exposition ist bewusst anstrengend. Sie gehört in die Hände einer Therapeut:in, die den Prozess plant und auffängt.
Ist VR-Therapie das Richtige für mich?
Ob eine Behandlung mit Virtual Reality sinnvoll ist, hängt von Ihrer Situation ab. Viele Menschen empfinden die virtuelle Konfrontation als weniger belastend als die direkte Konfrontation in der Realität. Gleichzeitig erleben sie die Situationen als überraschend echt, was für die Wirkung wichtig ist.
Sprechen Sie mit Ihrer Psychotherapeut:in darüber, ob VR-Therapie für Sie infrage kommt und ob die Praxis damit arbeitet. Auch ohne VR-Brille ist Exposition ein fester Bestandteil vieler Behandlungen. In einer Online-Psychotherapie werden Expositionsübungen zum Beispiel gemeinsam geplant, im Alltag durchgeführt und in der nächsten Sitzung ausgewertet.
Fazit
Virtual Reality eröffnet neue Wege in der Psychotherapie. Sie macht es möglich, angstauslösende Situationen sicher und Schritt für Schritt zu üben, besonders bei spezifischen Phobien. Für viele Menschen ist das ein leichterer Einstieg, wenn der Gedanke an die reale Konfrontation zu groß erscheint. Was in der virtuellen Welt geübt wird, soll am Ende im echten Leben tragen.
Häufige Fragen
Ist VR-Therapie wissenschaftlich belegt?
Bei Angststörungen ja. Eine Metaanalyse von 30 randomisierten Studien fand große Effekte gegenüber Wartelisten und keinen signifikanten Unterschied zur Exposition in der realen Situation. Am besten untersucht sind spezifische Phobien, weniger Studien gibt es zu sozialer Angst, PTBS und Panikstörung.
Für wen eignet sich VR-Expositionstherapie?
Vor allem für Menschen mit spezifischen Phobien wie Spinnen-, Höhen- oder Flugangst, besonders wenn eine Übung in der realen Situation schwer möglich ist. Die deutsche S3-Leitlinie Angststörungen (Stand 2021) sieht sie für diesen Fall ausdrücklich vor. Bei sozialer Phobie kann sie begleitend zu einer Psychotherapie eingesetzt werden.
Hat VR-Therapie Nebenwirkungen?
Manche Menschen bekommen in der VR-Brille Schwindel oder Übelkeit, die sogenannte Cybersickness. Die S3-Leitlinie Angststörungen nennt dafür etwa zehn Prozent der Fälle. Wie bei jeder Exposition ist die Übung zudem bewusst anstrengend und wird deshalb von einer Therapeut:in begleitet.
Kann ich VR-Therapie zu Hause machen?
Expositionstherapie mit VR gehört in eine therapeutische Behandlung und wird von einer Therapeut:in angeleitet. Fragen Sie Ihre Praxis, ob sie VR einsetzt. Auch ohne VR wird in einer Psychotherapie, ob vor Ort oder online, mit Expositionsübungen gearbeitet.




