Die Frage “Bin ich alkoholabhängig?” stellen sich viele, bevor sie mit jemandem darüber sprechen. Eine Diagnose beantwortet sie nicht mit Ja oder Nein, sondern ordnet ein: Ist der Konsum riskant, hat er schon geschadet, oder hat sich eine Abhängigkeit entwickelt? Von dieser Einordnung hängt ab, ob ein Entzug nötig ist, wie er ablaufen sollte und welche Behandlung danach passt.
Wer die Diagnose stellt
Den ersten Schritt machen viele in der hausärztlichen Praxis, oft weil auffällige Leberwerte, Bluthochdruck oder Schlafprobleme den Anstoß geben. Weitere Ansprechpartner:innen sind Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärzt:innen mit Zusatzqualifikation Suchtmedizin, Suchtambulanzen von Kliniken und psychologische Psychotherapeut:innen.
Suchtberatungsstellen stellen selbst keine medizinischen Diagnosen. Sie helfen aber, die eigene Lage einzuschätzen, und vermitteln in Entzug, Entwöhnung oder Psychotherapie. In der gesetzlichen Krankenversicherung ist die psychotherapeutische Sprechstunde ohne Überweisung zugänglich.
So läuft die Abklärung ab
Das Gespräch
Im Zentrum steht ein ausführliches Gespräch. Gefragt wird nach:
- Häufigkeit und Menge des üblichen Trinkens, und wie oft deutlich mehr getrunken wird
- Versuchen, weniger zu trinken oder Pausen zu machen, und wie sie ausgegangen sind
- Entzugszeichen wie Zittern, Schwitzen oder Unruhe am Morgen, früheren Krampfanfällen oder einem Delir
- Folgen für Gesundheit, Partnerschaft, Arbeit, Finanzen oder Führerschein
- anderen Substanzen und Medikamenten, vor allem Beruhigungs- und Schlafmitteln
- Stimmung, Ängsten, Schlaf und belastenden Erfahrungen
Die S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen (Stand 2021) empfiehlt, die Trinkmenge strukturiert zu erfassen, etwa mit getrennten Fragen zu Häufigkeit und Menge oder mit einem Rückblick Tag für Tag über die letzten Wochen (Timeline-Followback). Das wirkt kleinteilig, liefert aber deutlich genauere Zahlen als die Frage “Wie viel trinken Sie so?”.
Fragebögen
Zum Screening empfiehlt die Leitlinie den AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test) der Weltgesundheitsorganisation. Er umfasst zehn Fragen zu Trinkmenge, Kontrollverlust und Folgen. Wenn der volle Test zu aufwendig ist, soll die Kurzform AUDIT-C mit den drei Mengenfragen eingesetzt werden. Beide sollen laut Leitlinie in allen medizinischen und psychosozialen Einrichtungen angeboten werden, also auch dort, wo niemand wegen Alkohol hinkommt.
Ältere Kurztests wie der CAGE mit vier Fragen sind noch verbreitet, erfassen aber vor allem fortgeschrittene Probleme. Für die eigentliche Diagnose empfiehlt die Leitlinie validierte Instrumente, die die ICD-Kriterien abbilden, etwa strukturierte klinische Interviews. Interviews wie der Addiction Severity Index erfassen zusätzlich, in welchen Lebensbereichen Folgen entstanden sind.
Körperliche Untersuchung und Labor
Laborwerte ergänzen die Selbstauskunft. Die Leitlinie unterscheidet zwei Gruppen:
Direkte Marker weisen Alkohol oder seine Abbauprodukte selbst nach:
- Ethanol in Atemluft oder Blut zeigt akuten Konsum
- Ethylglucuronid (EtG) und Ethylsulfat im Urin zeigen Konsum der letzten Tage
- Phosphatidylethanol (PEth) im Blut zeigt Konsum der letzten Wochen und gilt als besonders aussagekräftig
- EtG im Haar kann Konsum über Monate abbilden
Indirekte Marker zeigen Veränderungen im Körper, die durch längeres starkes Trinken entstehen:
- GGT, ein Leberenzym
- MCV, die mittlere Größe der roten Blutkörperchen
- CDT, eine veränderte Form des Eisentransporters Transferrin
- ALT und AST als weitere Leberwerte
Indirekte Marker können auch bei Lebererkrankungen, Übergewicht oder Medikamenteneinnahme erhöht sein. Die Leitlinie empfiehlt deshalb eine Kombination mehrerer Werte und, beim Screening auf chronischen Konsum, AUDIT und Labor gemeinsam. Je nach Befund folgen Ultraschall der Leber, neurologische Untersuchung oder Bildgebung des Gehirns.
Begleiterkrankungen
Weil Depression, Angststörungen, PTBS und ADHS bei Alkoholabhängigkeit häufig sind, gehört ihre Abklärung dazu. Manche depressive Symptome bessern sich nach einigen Wochen ohne Alkohol deutlich, andere bleiben und brauchen eigene Behandlung. Diese Unterscheidung gelingt oft erst im Verlauf.
Die Kriterien: ICD-10-GM, ICD-11 und DSM-5-TR
In Deutschland wird nach der ICD-10-GM (Version 2026) diagnostiziert und abgerechnet.
- Schädlicher Gebrauch (F10.1): Der Konsum hat zu einer Gesundheitsschädigung geführt, körperlich oder psychisch, etwa eine depressive Episode durch massives Trinken.
- Abhängigkeitssyndrom (F10.2): Nach den klinischen Leitlinien der WHO müssen mindestens drei von sechs Merkmalen gemeinsam irgendwann innerhalb der letzten zwölf Monate aufgetreten sein: starkes Verlangen, verminderte Kontrolle, körperliches Entzugssyndrom, Toleranz, Vernachlässigung anderer Interessen und anhaltender Konsum trotz nachweislich schädlicher Folgen.
Die ICD-11 ist international seit 2022 in Kraft, in Deutschland aber noch nicht eingeführt. Sie fasst die Abhängigkeit (6C40.2) knapper: Es braucht zwei von drei Kernbereichen, nämlich gestörte Kontrolle, wachsende Vorrangstellung des Trinkens und körperliche Anpassung mit Toleranz oder Entzug, in der Regel über mindestens zwölf Monate. Statt “schädlicher Gebrauch” spricht sie von einem schädlichen Konsummuster.
Das amerikanische DSM-5-TR kennt keine getrennte Abhängigkeitsdiagnose mehr, sondern eine Alkoholkonsumstörung mit elf Kriterien. Zwei bis drei erfüllte Kriterien gelten als leicht, vier bis fünf als mittel, sechs und mehr als schwer. In Studien und vielen Fragebögen ist diese Einteilung verbreitet. Für Diagnose und Abrechnung in Deutschland zählt die ICD-10-GM.
Wie die Diagnose die Behandlung bestimmt
Die Einordnung ist kein Selbstzweck. Sie beantwortet praktische Fragen:
- Ist ein Entzug nötig, und wo? Nach früheren Krampfanfällen oder einem Delir im Entzug, bei schweren Begleiterkrankungen oder wenig Unterstützung im Umfeld empfiehlt die S3-Leitlinie einen stationären Entzug.
- Welches Ziel ist realistisch? Bei Abhängigkeit ist Abstinenz das vorrangige Ziel. Bei riskantem Konsum oder schädlichem Gebrauch kann eine deutliche Reduktion ein sinnvolles Ziel sein.
- Welches Setting passt? Kurzintervention in der Hausarztpraxis, ambulante Beratung und Psychotherapie oder eine Entwöhnungsbehandlung.
Was danach kommt, beschreibt Alkoholabhängigkeit: Behandlung. Einen Überblick über Anzeichen und Folgen gibt Alkoholabhängigkeit.
Angehörige einbeziehen
Partner:innen, Familie oder enge Freund:innen erleben oft Dinge, die Betroffenen selbst nicht auffallen oder die sie nicht erzählen: veränderte Stimmung, verpasste Termine, Trinken am Morgen. Mit Einverständnis der Betroffenen können sie in die Diagnostik einbezogen werden. Für Angehörige selbst gibt es eigene Beratung und Selbsthilfegruppen, unabhängig davon, ob die betroffene Person Hilfe annimmt.
Was Sie jetzt tun können
- Machen Sie unseren Alkohol-Selbsttest. Er beruht auf den zehn Fragen des AUDIT und zeigt, ob eine Abklärung sinnvoll ist.
- Schreiben Sie vor dem Termin auf, wie viel Sie an einem typischen Tag und an einem Tag mit viel Alkohol trinken. Ehrliche Zahlen helfen Ihnen, nicht der Statistik.
- Sprechen Sie Entzugszeichen offen an. Davon hängt ab, ob ein Entzug sicher zu Hause möglich ist.
Psychotherapeut:innen können im Rahmen einer Abklärung auch einschätzen, wie Trinken mit Stimmung, Angst oder Belastungen zusammenhängt. Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen für Gespräche per Video, das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Körperliche Untersuchung, Laborwerte und die Einschätzung des Entzugsrisikos gehören in ärztliche Hände. Mehr unter Therapeutensuche.
Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.