Dissoziative Störungen gelten als selten. Das stimmt nur zum Teil. Viele Menschen erleben irgendwann kurze Momente, in denen sie sich wie neben sich stehend oder die Welt wie unwirklich erleben, ohne dass daraus eine Störung wird. Gleichzeitig werden ausgeprägte dissoziative Störungen oft jahrelang übersehen, weil Betroffene zunächst wegen Depression, Angst oder unklarer körperlicher Beschwerden in Behandlung sind. Beides macht verlässliche Zahlen schwierig.
Wie häufig sind dissoziative Störungen?
Belastbare Zahlen speziell für Deutschland fehlen. Internationale Studien kommen je nach Methode, Land und befragter Gruppe zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das MSD Manual (Stand 2025) nennt für die einzelnen Formen:
- Depersonalisations- und Derealisationsstörung: 25 bis 75 Prozent der Menschen erleben mindestens einmal eine vorübergehende Episode, aber nur etwa 1 bis 2 Prozent erfüllen jemals die Kriterien der Störung.
- Dissoziative Amnesie: Die Schätzungen reichen von 0,2 bis 7,3 Prozent der Bevölkerung. Vermutlich wird sie oft nicht erkannt.
- Dissoziative Identitätsstörung: etwa 1 bis 1,5 Prozent der Bevölkerung in den USA, Männer und Frauen nahezu gleich häufig.
Für die dissoziative Fugue, den Stupor und die dissoziativen Bewegungs- und Empfindungsstörungen gibt es kaum verlässliche Bevölkerungszahlen. Dissoziative Anfälle und andere funktionelle neurologische Symptome sind in neurologischen Kliniken und Ambulanzen allerdings ein häufiger Grund für Vorstellungen.
In psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen liegt der Anteil dissoziativer Störungen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Das liegt auch daran, dass sie besonders häufig zusammen mit anderen Erkrankungen auftreten.
Wann beginnen dissoziative Störungen?
Viele Formen beginnen in Jugend und jungem Erwachsenenalter. Die Depersonalisations- und Derealisationsstörung beginnt laut MSD Manual im Durchschnitt mit 16 Jahren. Die dissoziative Identitätsstörung hat ihre Wurzeln meist in der Kindheit, die Diagnose wird aber oft erst Jahre oder Jahrzehnte später gestellt. Dissoziative Amnesien können in jedem Alter auftreten, häufig im Anschluss an ein belastendes Ereignis.
Wie verlaufen dissoziative Störungen?
Die ICD-10-GM beschreibt ein typisches Muster: Dissoziative Störungen neigen nach einigen Wochen oder Monaten zur Rückbildung, besonders wenn ihr Beginn mit einem traumatisierenden Lebensereignis verbunden war. Eher chronische Verläufe, vor allem bei Lähmungen und Gefühlsstörungen, entwickeln sich, wenn der Beginn mit unlösbaren Problemen oder zwischenmenschlichen Schwierigkeiten zusammenhängt.
Je nach Form sieht das unterschiedlich aus:
- Dissoziative Amnesie: Die meisten Betroffenen gewinnen ihre Erinnerungen laut MSD Manual zurück, oft schrittweise.
- Depersonalisation und Derealisation: Der Verlauf ist wechselhaft. Manche werden beschwerdefrei, bei anderen bleiben die Symptome über Jahre bestehen und sprechen schlecht auf Behandlung an.
- Dissoziative Bewegungsstörungen und Anfälle: Sie können nach kurzer Zeit verschwinden oder sich verfestigen, besonders wenn die Diagnose lange unklar bleibt oder Betroffene das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden.
- Dissoziative Identitätsstörung: Ohne Behandlung verläuft sie meist chronisch. Laut MSD Manual erholen sich Menschen, die nur dissoziative Symptome haben, unter Behandlung oft gut. Bei zusätzlichen Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkrankungen geht die Besserung langsamer.
Was den Verlauf beeinflusst
Ungünstig wirken sich aus:
- fortbestehende Belastungen, etwa anhaltende Gewalt, Kontakt zu Täter:innen oder ungelöste Konflikte
- zusätzliche Erkrankungen wie PTBS, Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder Sucht
- eine lange Zeit ohne zutreffende Diagnose, oft mit wiederholten körperlichen Untersuchungen
- Rückzug und fehlende Unterstützung
Günstig wirken sich aus:
- eine Diagnose, die verständlich erklärt wird und Betroffene entlastet
- Sicherheit im Alltag und verlässliche Beziehungen
- eine passende Psychotherapie, bei Traumafolgen eine traumafokussierte Behandlung
- Behandlung von Begleiterkrankungen
Ursachen: Wie entstehen dissoziative Störungen?
Überwältigende Belastung und Trauma
Die wichtigste Ursache sind Erfahrungen, die die Verarbeitungsmöglichkeiten eines Menschen übersteigen. Bei der dissoziativen Identitätsstörung berichten laut MSD Manual 70 bis 100 Prozent der Betroffenen von chronischem, schwerem körperlichem, sexuellem oder emotionalem Missbrauch in der Kindheit. Bei der dissoziativen Amnesie sind Misshandlung, sexuelle Gewalt, Krieg oder schwere innere Konflikte typische Auslöser.
Eine verbreitete Erklärung: Wer als Kind wiederholt Gewalt erlebt, der nicht zu entkommen ist, kann sich nur innerlich entziehen. Erinnerungen, Gefühle und Teile des Selbsterlebens werden voneinander abgetrennt. Was damals geschützt hat, bleibt als Muster bestehen und springt später auch bei geringerer Belastung an.
Konflikte und belastende Beziehungen
Die ICD-10-GM nennt neben traumatischen Ereignissen ausdrücklich unlösbare oder unerträgliche Konflikte und gestörte Beziehungen. Das betrifft besonders die körperlichen Formen wie Lähmungen oder Anfälle.
Substanzen
Bei der Depersonalisations- und Derealisationsstörung nennt das MSD Manual neben Missbrauch, Vernachlässigung und Konflikten auch Cannabis, Ketamin und Halluzinogene als häufige Auslöser.
Neurobiologie
Bildgebende Studien finden bei Menschen mit dissoziativen Störungen Unterschiede in Netzwerken, die Gefühle, Körperwahrnehmung und Gedächtnis verarbeiten. Diese Befunde helfen zu verstehen, was bei Dissoziation im Gehirn passiert. Für die Diagnose im Einzelfall taugen sie nicht, und sie bedeuten keine dauerhafte Schädigung.
Persönliche Faktoren
Diskutiert wird, ob Menschen, die sich besonders leicht in Vorstellungen versenken können, eher dissoziieren. Dieser Zusammenhang ist in der Forschung umstritten. Unbestritten ist, dass das Risiko mit Schwere, Dauer und frühem Beginn der Belastungen steigt.
Häufige Begleiterkrankungen
Dissoziative Störungen treten selten allein auf. Häufig kommen hinzu:
- posttraumatische Belastungsstörung und komplexe PTBS
- Depression und Angststörungen
- Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Suchterkrankungen
- Selbstverletzung und Suizidgedanken
Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) beschreibt, dass dissoziative Zustände wie Amnesien oder Depersonalisation auch bei der komplexen PTBS vorkommen. Die Grenzen zwischen Traumafolgestörungen und dissoziativen Störungen sind fließend.
Was schützen kann
Nicht jede belastende Erfahrung führt zu einer dissoziativen Störung. Schutz bieten vor allem verlässliche, sichere Beziehungen, ein Ende der Gewalt und frühe Unterstützung. Wer Kinder vor Gewalt schützen möchte oder selbst Missbrauch erlebt hat, findet beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530 kostenlos und anonym Beratung.
Für Menschen mit bestehenden Symptomen ist eine zutreffende Diagnose der erste Schritt zu einer passenden Behandlung. Wie die Diagnose gestellt wird, beschreibt Dissoziative Störungen: Diagnose, einen Überblick über alle Formen gibt Dissoziative Störungen.
Unterstützung finden
Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen für eine Psychotherapie per Video, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das kostenfreie Kennenlerngespräch hilft zu klären, ob Video für Ihre Situation passt. Bei starken dissoziativen Symptomen, die den Therapiefortschritt behindern, gibt die S3-Leitlinie PTBS der Behandlung vor Ort den Vorzug. Mehr unter Therapeutensuche.
Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.
Häufige Fragen
Wie häufig sind dissoziative Störungen? +
Die Schätzungen schwanken stark, je nach Studie und Methode. Laut MSD Manual erfüllen etwa 1 bis 2 Prozent der Menschen die Kriterien einer Depersonalisations- und Derealisationsstörung, für die dissoziative Amnesie reichen die Schätzungen von 0,2 bis 7,3 Prozent, für die dissoziative Identitätsstörung liegen sie in den USA bei etwa 1 bis 1,5 Prozent. Kurze dissoziative Erlebnisse haben dagegen sehr viele Menschen.
Wann beginnen dissoziative Störungen? +
Häufig in Jugend und jungem Erwachsenenalter. Die Depersonalisations- und Derealisationsstörung beginnt laut MSD Manual im Durchschnitt mit 16 Jahren. Die dissoziative Identitätsstörung hat ihre Wurzeln meist in der Kindheit, wird aber oft erst Jahre später erkannt.
Wie verlaufen dissoziative Störungen? +
Sehr unterschiedlich. Viele dissoziative Störungen bilden sich laut ICD-10-GM nach einigen Wochen oder Monaten zurück, besonders wenn sie mit einem traumatisierenden Ereignis begonnen haben. Chronische Verläufe sind häufiger, wenn Belastungen fortbestehen. Die dissoziative Identitätsstörung verläuft ohne Behandlung meist chronisch.
Was sind die Ursachen dissoziativer Störungen? +
Im Vordergrund stehen überwältigende Belastungen und Traumatisierungen, besonders wiederholte Gewalt und Missbrauch in der Kindheit. Auch unlösbare Konflikte, belastete Beziehungen und bei der Depersonalisation Drogen wie Cannabis, Ketamin oder Halluzinogene können eine Rolle spielen.
Was kann vor dissoziativen Störungen schützen? +
Verlässliche, sichere Beziehungen, Schutz vor fortgesetzter Gewalt und frühe Unterstützung nach belastenden Erfahrungen stärken die Widerstandskraft. Bei bestehenden Symptomen erspart eine frühe, zutreffende Diagnose oft lange Umwege mit wiederholten Untersuchungen.
Wichtiger Hinweis
Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte
Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.