Bipolare Störung Teil 1 von 4

Bipolare Störung

Die bipolare Störung ist eine psychische Erkrankung, die von starken Stimmungsschwankungen geprägt ist. Betroffene wechseln zwischen manischen Hochphasen, in denen sie voller Energie, Euphorie und Tatendrang sind, und depressiven Tiefs, die von Antriebslosigkeit, Selbstzweifeln und Hoffnungslosigkeit dominiert werden. Diese extremen Schwankungen können das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen stark belasten.

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Was ist eine bipolare Störung?

Bei einer bipolaren Störung wechseln sich Phasen gehobener oder gereizter Stimmung mit depressiven Phasen ab. Die Hochphasen heißen Manie oder, in milderer Form, Hypomanie. Früher sprach man von einer manisch-depressiven Erkrankung.

Mit gewöhnlichen Stimmungsschwankungen hat das wenig zu tun. Eine Episode verändert Antrieb, Schlaf, Denken und Verhalten über Tage bis Monate so deutlich, dass Arbeit, Finanzen und Beziehungen darunter leiden. Zwischen den Episoden fühlen sich viele Betroffene über lange Zeit weitgehend stabil.

Wie häufig ist die bipolare Störung?

Laut der deutschen S3-Leitlinie zu bipolaren Störungen (Stand 2019, letzte Anpassung 2020) erkranken etwa 3 % der Menschen im Laufe ihres Lebens. Zählt man leichtere Formen des bipolaren Spektrums mit, sind es etwa 5 %. Laut dem Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums erleben die meisten die erste Episode, bevor sie 25 Jahre alt sind.

Bis zur richtigen Diagnose vergehen laut derselben Quelle oft 5 bis 10 Jahre. Ein Grund: Viele Betroffene suchen zuerst wegen einer Depression Hilfe. Die Hochphasen erwähnen sie nicht, weil sie sich darin gut oder besonders leistungsfähig gefühlt haben.

Formen der bipolaren Störung

  • Bipolar-I-Störung: Es treten voll ausgeprägte manische Episoden auf, meist im Wechsel mit depressiven Episoden.
  • Bipolar-II-Störung: Statt voller Manien kommt es zu Hypomanien, dazu zu mindestens einer depressiven Episode. Den Verlauf prägen oft die Depressionen.
  • Zyklothymia: Die Stimmung ist über lange Zeit instabil, mit vielen leichten depressiven und leicht gehobenen Phasen. Keine davon ist ausgeprägt genug für eine Manie oder eine depressive Episode.

Zwei Verlaufsbesonderheiten sind für Betroffene besonders belastend:

  • Gemischte Episoden (Mischzustände): Manische und depressive Symptome treten gleichzeitig oder in raschem Wechsel auf, etwa große Unruhe bei tiefer Verzweiflung. In solchen Phasen ist das Suizidrisiko besonders hoch.
  • Rapid Cycling: Vier oder mehr Episoden innerhalb von zwölf Monaten. Laut S3-Leitlinie betrifft das bis zu 20 % der Erkrankten, häufiger Frauen.

In Deutschland wird nach der ICD-10-GM diagnostiziert und abgerechnet. Die bipolare affektive Störung hat dort den Code F31, die Bipolar-II-Störung fällt unter F31.8, die Zyklothymia unter F34.0. Die ICD-10 setzt für die Diagnose mindestens zwei Episoden voraus. Das US-amerikanische Manual DSM-5 stellt die Diagnose Bipolar I schon nach einer einzigen manischen Episode. Die neue ICD-11 ist international in Kraft, in Deutschland aber noch nicht eingeführt.

Wie äußert sich eine bipolare Störung?

Manische und hypomane Phasen

  • Gehobene, euphorische oder auffallend gereizte Stimmung
  • Deutlich weniger Schlaf, ohne sich müde zu fühlen
  • Rededrang, Gedankenrasen, sprunghafte Ideen
  • Überschätzung der eigenen Fähigkeiten
  • Riskantes Verhalten, etwa hohe Ausgaben, unüberlegte Verträge oder riskantes Fahren
  • Gesunkene Hemmschwelle im Kontakt mit anderen

Betroffene fühlen sich in dieser Phase oft großartig, Außenstehende erleben sie dagegen als getrieben, distanzlos oder unberechenbar. Die Hypomanie ist die mildere Form: Sie dauert mindestens vier Tage, beeinträchtigt das Leben aber weniger stark. Woran man beide erkennt und wann sofort Hilfe nötig ist, beschreibt der Beitrag Manie und Hypomanie erkennen.

Depressive Phasen

  • Tiefe Niedergeschlagenheit, Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit
  • Interessenverlust und Antriebslosigkeit, selbst kleine Aufgaben wirken unüberwindbar
  • Schlafstörungen oder stark vermehrter Schlaf
  • Veränderter Appetit
  • Schuldgefühle und Selbstvorwürfe
  • Gedanken an den Tod oder an Suizid

Viele Menschen mit bipolarer Störung verbringen mehr Zeit in depressiven als in hochgestimmten Phasen. Für sich allein betrachtet sieht eine bipolare Depression oft genauso aus wie eine unipolare Depression. Den Unterschied macht erst der Blick auf frühere Hochphasen, und er ist wichtig, weil sich die Behandlung unterscheidet.

Was sind die Ursachen der bipolaren Störung?

Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Die Leitlinie geht von einer relativ starken genetischen Veranlagung aus, die mit Umwelteinflüssen und Stress zusammenwirkt. Episoden werden häufig durch Schlafmangel, einen gestörten Tagesrhythmus, einschneidende Lebensereignisse oder Alkohol und Drogen angestoßen. Wie die einzelnen Faktoren ineinandergreifen und was das für die Vorbeugung bedeutet, erklärt der Beitrag Ursachen und Risikofaktoren.

Diagnose: Wie wird eine bipolare Störung festgestellt?

Es gibt keinen Bluttest und kein bildgebendes Verfahren, das eine bipolare Störung nachweist. Die Diagnose entsteht aus Gesprächen über den gesamten bisherigen Verlauf. Dazu gehören meist:

  • ein ausführliches Gespräch über frühere Phasen, gezielt auch über Zeiten mit wenig Schlaf und viel Energie
  • Angaben von Angehörigen, weil Betroffene Hochphasen selbst oft anders erleben als ihr Umfeld
  • ein Stimmungstagebuch über mehrere Wochen
  • Fragebögen wie der MDQ oder die HCL-32, die nach früheren hypomanen Symptomen fragen
  • der Ausschluss körperlicher Ursachen, etwa einer Schilddrüsenüberfunktion, sowie von Medikamenten- oder Drogeneffekten

Laut S3-Leitlinie eignen sich Screening-Fragebögen nicht allein zur Diagnose. Fällt ein Screening auffällig aus, sollte eine Fachärzt:in für Psychiatrie und Psychotherapie die Diagnose sichern. Als wichtige Abgrenzungen nennt die Leitlinie unter anderem die unipolare Depression, die Borderline-Persönlichkeitsstörung, bei jungen Menschen auch ADHS, außerdem Substanzkonsum und Schilddrüsenerkrankungen.

Einen ersten Anhaltspunkt bietet unser Test zur bipolaren Störung. Er ersetzt keine Diagnose, kann aber helfen, das Gespräch mit einer Fachperson vorzubereiten.

Therapie: Wie kann man die bipolare Störung behandeln?

Die bipolare Störung ist in der Regel eine langfristige Erkrankung. Die Behandlung hat zwei Ziele: akute Episoden abklingen zu lassen und neuen Episoden vorzubeugen. Die Leitlinie spricht von Phasenprophylaxe.

  • Medikamente: Stimmungsstabilisierer wie Lithium oder Lamotrigin sowie bestimmte Antipsychotika bilden meist die Grundlage. Antidepressiva werden vorsichtig und in der Regel nur zusammen mit einem Stimmungsstabilisierer eingesetzt, weil sie eine Hochphase auslösen können. Medikamente verordnen Ärzt:innen, meist Fachärzt:innen für Psychiatrie.
  • Psychoedukation und Psychotherapie: Betroffene lernen, ihre persönlichen Frühwarnzeichen zu erkennen, Auslöser zu meiden und einen Krisenplan zu erstellen. Die Leitlinie empfiehlt dafür unter anderem Gruppenpsychoedukation und kognitive Verhaltenstherapie in stabilen Phasen.
  • Alltag und Rhythmus: Regelmäßige Schlafenszeiten, ein verlässlicher Tagesablauf und der Verzicht auf Alkohol und Drogen stabilisieren die Stimmung.

Welche Medikamente in welcher Phase eingesetzt werden, welche Psychotherapieformen sich bewährt haben und wie ein Krisenplan aussieht, beschreibt der Beitrag Bipolare Störung: Behandlung.

Herausforderung für Angehörige: Wie kann man helfen?

Eine bipolare Störung betrifft immer auch das Umfeld. Besonders manische Phasen sind für Partner:innen, Familie und Freund:innen schwer auszuhalten, weil die erkrankte Person impulsiv und kaum erreichbar wirkt und sich selbst oft nicht als krank erlebt.

  • In ruhigen Zeiten vorsorgen: Gemeinsam besprechen, woran Sie eine beginnende Episode erkennen und wen Sie dann anrufen dürfen.
  • Grenzen setzen: Vor allem bei Geldausgaben und riskantem Verhalten in der Hochphase.
  • In der Depression unterstützen, ohne zu bevormunden: Da sein, kleine Schritte ermöglichen, Verantwortung nicht komplett übernehmen.
  • Auf Behandlung hinweisen: Ruhig und konkret, ohne Vorwürfe, wenn Sie Warnzeichen bemerken.

Angehörige bemerken eine neue Episode oft als Erste. Viele Behandler:innen beziehen sie deshalb, mit Einverständnis der betroffenen Person, in die Psychoedukation ein. Auch Angehörige dürfen sich selbst Unterstützung holen, etwa in einer Angehörigengruppe oder einer eigenen Beratung.

Was Sie jetzt tun können

  1. Verlauf aufschreiben: Notieren Sie, wann es Phasen mit auffallend wenig Schlaf, viel Energie oder ungewohnten Entscheidungen gab und wann depressive Phasen. Diese Übersicht ist für die Diagnose sehr wertvoll.
  2. Fachärztlich abklären lassen: Eine Fachärzt:in für Psychiatrie und Psychotherapie kann die Diagnose sichern und über Medikamente beraten.
  3. Psychotherapeutische Begleitung suchen: Psychoedukation und Psychotherapie helfen, die eigene Erkrankung zu verstehen und Rückfällen vorzubeugen. Für die psychotherapeutische Sprechstunde brauchen Sie keine Überweisung, Termine vermittelt auch die 116 117.

Online-Psychotherapie bei bipolarer Störung

Bei Therapy Lift arbeiten approbierte Psychotherapeut:innen ausschließlich per Video. Für Menschen mit bipolarer Störung kann das eine Ergänzung zur psychiatrischen Behandlung sein, vor allem in stabilen Phasen: für Psychoedukation, das Erkennen von Frühwarnzeichen und die Arbeit an einem Krisenplan. Medikamente verordnen Psychotherapeut:innen nicht, die Phasenprophylaxe bleibt in fachärztlicher Hand. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Mehr zum Ablauf finden Sie unter Online-Psychotherapie.

In einer akuten Manie, bei psychotischen Symptomen oder bei Suizidgedanken ist ein Videotermin nicht der richtige Weg. Dann braucht es sofort Hilfe vor Ort.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, rund um die Uhr) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Eine bipolare Störung ist eine psychische Erkrankung, bei der sich depressive Phasen mit manischen oder hypomanen Hochphasen abwechseln. In den Hochphasen sind Stimmung und Antrieb gesteigert, das Schlafbedürfnis sinkt. Früher sprach man von einer manisch-depressiven Erkrankung.

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Bipolare Störung: Ursachen

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Quellen