Bipolare Störung Teil 4 von 4

Bipolare Störung: Behandlung

Bipolare Störungen sind chronische psychische Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen durch extreme Schwankungen zwischen manischen (oder hypomanischen) und depressiven Phasen tiefgreifend beeinflussen. Eine wirksame Behandlung zielt darauf ab, diese Stimmungsschwankungen zu stabilisieren, Rückfälle zu verhindern und den Betroffenen zu ermöglichen, ein möglichst stabiles und erfülltes Leben zu führen.

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Ziele der Behandlung

Eine bipolare Störung verläuft meist in wiederkehrenden Episoden. Die Behandlung hat deshalb mehrere Ziele, die ineinandergreifen:

  • Akutbehandlung: eine aktuelle manische, depressive oder gemischte Episode abklingen lassen.
  • Erhaltungstherapie: die erreichte Besserung stabilisieren und einen schnellen Rückfall verhindern.
  • Phasenprophylaxe: neuen Episoden langfristig vorbeugen.

Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) weist darauf hin, dass eine bipolare Störung im Regelfall langfristig, oft lebenslang, behandelt werden muss. Die deutsche S3-Leitlinie (Stand 2019, letzte Anpassung 2020) empfiehlt, schon die Akutbehandlung mit Blick auf die spätere Vorbeugung zu planen. Behandlungsziele sollen Patient:in, Behandler:in und, wenn gewünscht, Angehörige gemeinsam festlegen.

Wer behandelt eine bipolare Störung?

Die medikamentöse Behandlung liegt bei Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, in schweren Phasen auch in psychiatrischen Kliniken oder Institutsambulanzen. Psychotherapeut:innen übernehmen Psychoedukation und Psychotherapie, verordnen aber keine Medikamente. Am besten wirken beide Seiten zusammen.

In der gesetzlichen Krankenversicherung kann Psychotherapie bei bipolaren Erkrankungen begleitend zur ärztlichen Behandlung übernommen werden. Die Psychotherapie-Richtlinie (Fassung vom 17.06.2026) nennt affektive psychotische Störungen als Indikation, neben oder nach einer somatisch-ärztlichen Behandlung. Ob eine Richtlinientherapie in Frage kommt, klärt die psychotherapeutische Sprechstunde. Dafür ist keine Überweisung nötig, Termine vermittelt auch die 116 117.

Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung, schweren psychotischen Symptomen oder wenn eine Manie zu Hause nicht mehr aufzufangen ist, ist eine stationäre Behandlung der richtige Ort.

Medikamente je nach Phase

Die Auswahl der Medikamente richtet sich nach der aktuellen Phase, dem bisherigen Verlauf, Begleiterkrankungen und Nebenwirkungen. Vor Beginn sind laut Leitlinie unter anderem Blutwerte, Blutdruck, Gewicht und ein EKG zu prüfen, bei Frauen im gebärfähigen Alter auch ein Schwangerschaftstest. Die folgenden Angaben geben den Stand der Leitlinie wieder und ersetzen keine ärztliche Beratung. Dosierungen und die Wahl des Präparats entscheidet die behandelnde Ärzt:in.

Akute Manie

Für die Akutbehandlung empfiehlt die Leitlinie mehrere Wirkstoffe als Einzeltherapie, darunter Lithium, Carbamazepin und Valproat sowie die Antipsychotika Aripiprazol, Asenapin, Olanzapin, Quetiapin und Ziprasidon. Haloperidol kommt vor allem kurzfristig und in Notfallsituationen in Frage. Antipsychotika wirken vergleichsweise rasch gegen starke Erregung, Schlaflosigkeit und psychotische Symptome.

Valproat empfiehlt die Leitlinie für Frauen im gebärfähigen Alter nicht, weil es in der Schwangerschaft das ungeborene Kind schädigen kann.

Bipolare Depression

Die Behandlung einer bipolaren Depression unterscheidet sich von der einer unipolaren Depression. Antidepressiva allein können bei bipolaren Störungen eine manische oder gemischte Episode auslösen. Wenn sie eingesetzt werden, dann in der Regel zusammen mit einem Stimmungsstabilisierer oder einem antimanisch wirkenden Antipsychotikum. Die Leitlinie bevorzugt dabei wegen des geringeren Umschlagrisikos SSRI gegenüber Venlafaxin und trizyklischen Antidepressiva, außerdem Bupropion gegenüber Venlafaxin.

Weitere Grundsätze der Leitlinie:

  • Bei einer leichten Episode stehen Psychoedukation, Psychotherapie, Selbstmanagement und Selbsthilfe im Vordergrund. Eine spezifische medikamentöse Behandlung ist nur in Ausnahmefällen angezeigt.
  • Bei einer mittelgradigen Episode ist die medikamentöse Behandlung eine wesentliche Option, bei einer schweren Episode sollte sie erfolgen.
  • Quetiapin wird als Einzeltherapie zur Akutbehandlung empfohlen.
  • Zur Behandlung akuter depressiver Episoden soll eine Psychotherapie angeboten werden.
  • Bei schweren oder therapieresistenten Depressionen kann die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) eingesetzt werden. Sie umfasst laut gesund.bund.de meist 6 bis 12 Behandlungen.

Gemischte Episoden

Wenn manische und depressive Symptome gleichzeitig auftreten, ist die Behandlung besonders anspruchsvoll und das Suizidrisiko erhöht. Sie gehört in erfahrene psychiatrische Hände, häufig mit engmaschigen Kontakten oder stationär.

Phasenprophylaxe: neuen Episoden vorbeugen

Für die allermeisten Menschen mit gesicherter bipolarer Störung ist eine medikamentöse Vorbeugung laut Leitlinie ein unverzichtbarer Teil der Behandlung.

  • Lithium soll zur Phasenprophylaxe eingesetzt werden. Bei hohem Suizidrisiko empfiehlt die Leitlinie Lithium ausdrücklich, weil es Hinweise auf eine langfristig suizidvorbeugende Wirkung gibt. Lithium erfordert regelmäßige Kontrollen des Blutspiegels sowie von Nieren- und Schilddrüsenwerten.
  • Lamotrigin wird vor allem zur Vorbeugung depressiver Episoden eingesetzt, wenn es in der Akutphase geholfen hat und gut vertragen wurde.
  • Quetiapin kommt zur Vorbeugung in Frage, wenn die akute Episode darunter abgeklungen ist und es gut vertragen wurde.

Ob eine Phasenprophylaxe wirkt, zeigt sich erst über längere Zeit. Die Leitlinie rät, bei einem Rückfall in den ersten sechs Monaten in der Regel noch nichts am Behandlungsplan zu ändern und die Wirkung nach der doppelten Dauer des persönlichen Krankheitszyklus zu beurteilen.

Viele Betroffene setzen Medikamente in stabilen oder gehobenen Phasen ab, weil sie sich gesund fühlen oder unter Nebenwirkungen leiden. Das abrupte Absetzen von Lithium nennt die Leitlinie ausdrücklich als Risikofaktor für Suizidalität. Bedenken gegen Medikamente gehören deshalb offen ins Gespräch mit der behandelnden Psychiater:in.

Psychotherapie und Psychoedukation

Medikamente stabilisieren die Stimmung, Psychotherapie hilft, mit der Erkrankung zu leben. Die Leitlinie empfiehlt psychotherapeutische Verfahren für mehrere Situationen: zur Behandlung akuter Depressionen, zur Vorbeugung depressiver und manischer Episoden und für die Zusammenarbeit mit Angehörigen.

Psychoedukation

Psychoedukation vermittelt Wissen über die eigene Erkrankung:

  • Symptome, Verlauf und Ursachen der bipolaren Störung
  • wie die Medikamente wirken und warum sie oft dauerhaft nötig sind
  • die persönlichen Frühwarnzeichen manischer und depressiver Episoden
  • Umgang mit Stress und bekannten Auslösern
  • die Bedeutung eines regelmäßigen Lebensrhythmus

Zur Rückfallvorbeugung empfiehlt die Leitlinie eine ausführliche und interaktive Gruppenpsychoedukation. Der Austausch mit anderen Betroffenen erleichtert vielen, die Erkrankung anzunehmen und aktiv mitzuarbeiten.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

In stabilen Phasen mit weitgehend ausgeglichener Stimmung empfiehlt die Leitlinie eine manualisierte, strukturierte kognitive Verhaltenstherapie zur Rückfallvorbeugung. Typische Inhalte:

  • Stimmungstagebuch: Zusammenhänge zwischen Ereignissen, Gedanken, Stimmung und Schlaf erkennen.
  • Denkmuster prüfen: Selbstüberschätzung in Hochphasen ebenso wie Hoffnungslosigkeit und Selbstabwertung in der Depression.
  • Routinen aufbauen: besonders einen stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus.
  • Problemlösen und Stressbewältigung: Belastungen früh angehen, bevor sie eine Episode anstoßen.

Interpersonelle und Soziale Rhythmustherapie (IPSRT)

Die IPSRT setzt an der Beobachtung an, dass ein gestörter Tagesrhythmus und Konflikte in Beziehungen häufig am Anfang einer Episode stehen. Sie arbeitet an sehr regelmäßigen Zeiten für Schlafen, Aufstehen, Essen und Aktivitäten und an zwischenmenschlichen Themen, die Stress auslösen.

Angehörige einbeziehen

Eine bipolare Störung betrifft die ganze Familie. Familienfokussierte Ansätze und gemeinsame Gespräche helfen, die Erkrankung besser zu verstehen, Warnzeichen gemeinsam zu erkennen, die Kommunikation in Krisen zu verbessern und Angehörige zu entlasten. Die Leitlinie empfiehlt, Angehörige mit Einverständnis der betroffenen Person in die Aufklärung einzubeziehen.

Der Krisenplan

Episoden beginnen oft schleichend. Ein Krisenplan, in einer stabilen Phase erstellt, legt fest, was dann passiert:

  1. Frühwarnzeichen: die persönlichen ersten Anzeichen, etwa weniger Schlaf, mehr Reizbarkeit, sozialer Rückzug, mehr Aktivität oder Grübeln.
  2. Erste Schritte: Termine absagen, Schlaf schützen, Reize reduzieren, auf Alkohol verzichten.
  3. Kontakt zur Behandlung: zeitnah die behandelnde Psychiater:in oder Psychotherapeut:in informieren, damit sie die Situation einschätzen und die Medikation gegebenenfalls anpassen kann.
  4. Unterstützung: vereinbarte Vertrauenspersonen informieren, etwa für Absprachen zu Geld oder Auto in einer Hochphase.
  5. Notfall: Telefonnummern für Krisendienst, Klinik und 112.

Was im Alltag trägt

  • Regelmäßiger Schlaf: feste Zeiten, auch am Wochenende, und Vorsicht bei Nachtarbeit und Fernreisen.
  • Stimmungstagebuch: Die Leitlinie empfiehlt, möglichst täglich Stimmung, Schlaf und Ereignisse festzuhalten.
  • Verzicht auf Alkohol und Drogen: Sie können Episoden auslösen und die Wirkung der Medikamente beeinträchtigen.
  • Unterstützende Verfahren: Bewegung, Entspannung, Ergo-, Kunst- oder Musiktherapie können laut Leitlinie Teil des Behandlungsplans sein.
  • Selbsthilfe: Selbsthilfegruppen bieten Austausch mit Menschen, die Ähnliches erleben.

Online-Psychotherapie bei bipolarer Störung

Bei Therapy Lift arbeiten approbierte Psychotherapeut:innen ausschließlich per Video. In stabilen Phasen lassen sich Psychoedukation, Stimmungsprotokolle, Rückfallvorbeugung und die Arbeit an einem Krisenplan gut online umsetzen, als Ergänzung zur psychiatrischen Behandlung. Medikamente verordnen Psychotherapeut:innen nicht. In einer akuten Manie oder bei Suizidgedanken ist ein Videotermin nicht ausreichend.

Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei, eine Grundgebühr gibt es nicht. Privatversicherte zahlen den Regelsatz von 167,58 € je Sitzung nach GOP, alle privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs (mehr für Privatversicherte). Gesetzlich Versicherte nutzen Therapy Lift als Selbstzahler:innen für 120,00 bis 167,58 € je 50-Minuten-Sitzung. Einen Überblick über das Krankheitsbild gibt die Seite Bipolare Störung, Frühwarnzeichen einer Hochphase beschreibt Manie und Hypomanie.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, rund um die Uhr) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

In der Regel mit mehreren Bausteinen: einer Akutbehandlung der aktuellen Episode, einer langfristigen medikamentösen Phasenprophylaxe sowie Psychoedukation und Psychotherapie. Ziel ist, neuen Episoden vorzubeugen und den Alltag zu stabilisieren.

Themenreihe abgeschlossen

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Quellen