Bipolare Störung Teil 2 von 4

Bipolare Störung: Ursachen

Bipolare Störungen gehören zu den komplexen psychischen Erkrankungen, die durch charakteristische, oft extreme Schwankungen der Stimmung, des Antriebs und des Aktivitätsniveaus gekennzeichnet sind. Diese Schwankungen manifestieren sich in Episoden von Manie oder Hypomanie (Hochphasen) und Depression (Tiefphasen).

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Warum entsteht eine bipolare Störung?

Eine zentrale Frage für Betroffene und Angehörige ist: Warum gerade ich, und warum verläuft die Erkrankung bei jedem so unterschiedlich? Die ehrliche Antwort der Forschung: Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Die deutsche S3-Leitlinie zu bipolaren Störungen (Stand 2019, letzte Anpassung 2020) beschreibt eine wahrscheinlich multifaktorielle Entstehung. Eine relativ starke genetische Komponente schafft eine erhöhte Empfindlichkeit, Umwelteinflüsse, Stress und Persönlichkeitsmerkmale wirken daran mit.

Fachleute erklären das Zusammenspiel mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Vulnerabilität meint die angeborene oder früh erworbene Verletzlichkeit. Ob und wann daraus eine Episode wird, hängt von Belastungen ab, die hinzukommen. Wer eine hohe Veranlagung hat, kann schon bei vergleichsweise geringen Belastungen erkranken. Wer eine geringe Veranlagung hat, erkrankt auch unter starkem Druck womöglich nie.

Genetische Veranlagung

Die genetische Komponente ist bei bipolaren Störungen deutlich ausgeprägt. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) nennt folgende Werte:

  • Verwandte ersten Grades von Betroffenen erkranken etwa siebenmal häufiger als die Allgemeinbevölkerung.
  • Ist ein Elternteil erkrankt, liegt das Risiko für die Kinder bei etwa 10 %.
  • Sind beide Elternteile erkrankt, steigt es auf etwa 40 bis 50 %.
  • Bei eineiigen Zwillingen erkranken in etwa 60 % der Fälle beide.

Die Zwillingszahl zeigt auch die Grenzen der Genetik: Obwohl eineiige Zwillinge dieselben Gene haben, bleibt in rund 40 % der Fälle eine Person gesund. Vererbt wird also eine Anfälligkeit, kein festes Schicksal. Beteiligt sind viele Gene mit jeweils kleinem Effekt, einzelne “Bipolar-Gene” gibt es nicht.

Für Menschen mit erkrankten Eltern oder Geschwistern heißt das vor allem: aufmerksam sein für Schlafprobleme und für Phasen mit ungewöhnlich viel Energie, und diese bei einer Ärzt:in oder Psychotherapeut:in ansprechen. Die Leitlinie nennt neben der Familiengeschichte weitere Hinweise auf ein erhöhtes Risiko, etwa Angststörungen in der Kindheit, Schlafprobleme und leichte hypomanische Symptome.

Neurobiologie: mehr als ein “Ungleichgewicht”

Die Forschung findet bei bipolaren Störungen Veränderungen auf mehreren Ebenen:

  • Botenstoffe: In manischen Phasen werden eine Überaktivität von Dopamin und Noradrenalin vermutet, in depressiven Phasen eine verminderte Aktivität von Noradrenalin und Serotonin. Auch Empfindlichkeit und Dichte der Rezeptoren scheinen verändert.
  • Biologischer Rhythmus: Viele Betroffene reagieren empfindlich auf Störungen der inneren Uhr. Schlafmangel, Schichtarbeit oder Reisen über Zeitzonen können Episoden anstoßen.

Diese Befunde sind wichtig, aber sie erklären die Erkrankung nicht vollständig. Die Leitlinie hält fest, dass sich aus den bisherigen Forschungsergebnissen kein Modell ableiten lässt, das alle Befunde zusammenführt. Die verbreitete Kurzformel vom “chemischen Ungleichgewicht” greift deshalb zu kurz.

Auslöser: Was eine Episode anstoßen kann

Die Veranlagung bestimmt, wie anfällig jemand ist. Ob es zu einer Episode kommt, hängt oft von konkreten Auslösern ab:

  • Schlafmangel und unregelmäßiger Tagesrhythmus. Gilt als einer der wichtigsten Auslöser, besonders für Hochphasen.
  • Belastende Lebensereignisse. Verluste, Trennungen, schwere Konflikte oder berufliche Krisen gehen häufig depressiven Episoden voraus. Auch belastende Erfahrungen in der Kindheit wie Gewalt oder Missbrauch nennt die DGBS als Risikofaktor.
  • Erfreuliche, aufregende Ereignisse. Eine Beförderung, eine Hochzeit oder eine lange Reise können bei anfälligen Menschen eine (hypo)manische Episode auslösen, vermutlich auch über den gestörten Tagesrhythmus.
  • Alkohol und Drogen. Sie können Episoden auslösen und den Verlauf verschlechtern. Stimulierende Drogen wie Kokain oder Amphetamine können selbst manische Symptome hervorrufen.
  • Medikamente. Antidepressiva ohne stimmungsstabilisierenden Schutz können eine Hochphase anstoßen. Das eigenmächtige Absetzen der vorbeugenden Medikamente erhöht das Rückfallrisiko deutlich.
  • Zeit nach einer Geburt. Laut Leitlinie ist die Rückfallgefahr für bipolar erkrankte Frauen in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt besonders hoch. Die Leitlinie empfiehlt, Verhütung, Kinderwunsch und Schwangerschaft frühzeitig in der Behandlung zu besprechen, auch weil einige Medikamente in der Schwangerschaft riskant sind.

Psychologische und soziale Einflüsse

Neben Biologie und Auslösern beeinflussen Denkmuster und das Umfeld, wie die Erkrankung verläuft:

  • Denkstile: Ständiges Grübeln, Katastrophendenken oder sehr hohe Ansprüche an sich selbst können depressive Phasen verstärken und verlängern.
  • Persönlichkeit: Die Leitlinie nennt Merkmale wie hohe Extraversion und eine ausgeprägte Suche nach neuen Reizen als mögliche Risikofaktoren.
  • Krankheitseinsicht: In Hochphasen fühlen sich viele Betroffene gesund und leistungsfähiger als sonst. Das führt häufig dazu, dass Medikamente eigenmächtig abgesetzt werden.
  • Familienklima: Ein Umfeld mit viel Kritik, Konflikten oder Überbehütung, in der Fachsprache “Expressed Emotion”, erhöht das Rückfallrisiko. Ein verständnisvolles Umfeld wirkt dagegen schützend.
  • Einsamkeit: Fehlende soziale Einbindung kann depressive Symptome verstärken.

Diese Faktoren sind keine Schuldzuweisung. Sie zeigen, wo eine Behandlung ansetzen kann, zum Beispiel in der Psychoedukation mit Angehörigen.

Verlauf: Was ihn beeinflusst

Die ersten Symptome zeigen sich meist im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter, oft vor dem 25. Lebensjahr. Häufig beginnt die Erkrankung mit einer Depression. Deshalb wird sie anfangs oft als unipolare Depression eingeordnet, und bis zur richtigen Diagnose vergehen laut Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums oft 5 bis 10 Jahre.

Der Verlauf ist sehr unterschiedlich. Die meisten Betroffenen erleben einige wenige Episoden, laut Leitlinie haben rund 10 % mehr als zehn. Als Risikofaktoren für häufig wiederkehrende Episoden nennt die Leitlinie unter anderem:

  • einen frühen Erkrankungsbeginn
  • gemischte Episoden und psychotische Symptome
  • schwerwiegende Lebensereignisse
  • unzureichendes Ansprechen auf die vorbeugende Behandlung
  • Rapid Cycling, also vier oder mehr Episoden pro Jahr

Für einen chronischen Verlauf sprechen außerdem häufige Episoden, Substanzmissbrauch, weitere psychische oder körperliche Erkrankungen und eine unregelmäßige Medikamenteneinnahme.

Begleiterkrankungen

Menschen mit bipolarer Störung haben überdurchschnittlich oft weitere Erkrankungen, die den Verlauf beeinflussen:

  • Substanzkonsumstörungen: Alkohol oder Drogen werden teils zur Selbstbehandlung genutzt, verschlechtern aber den Verlauf.
  • Angststörungen: etwa Panikstörung, soziale Angst oder generalisierte Angststörung.
  • ADHS: Laut der S3-Leitlinie ADHS haben je nach Studie 3 bis 14 % der Erwachsenen mit ADHS zusätzlich eine bipolare Störung. Der Verlauf ist dann oft schwerer. Mehr dazu im Beitrag ADHS bei Erwachsenen.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: überschneidet sich in der Symptomatik und muss sorgfältig abgegrenzt werden.
  • Körperliche Erkrankungen: etwa Schilddrüsenerkrankungen, Migräne oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Leitlinie empfiehlt, Begleiterkrankungen zu Beginn und im Verlauf sorgfältig zu erfassen und in der Behandlung zu berücksichtigen.

Was die Ursachen für die Vorbeugung bedeuten

An der Veranlagung lässt sich nichts ändern, an den Auslösern oft schon. Darauf setzt die Behandlung: eine medikamentöse Phasenprophylaxe, ein geschützter Schlaf-Wach-Rhythmus, der Verzicht auf Alkohol und Drogen und Psychotherapie, in der Betroffene ihre persönlichen Auslöser und Frühwarnzeichen kennenlernen. Wie diese Bausteine zusammenwirken, beschreibt der Beitrag Bipolare Störung: Behandlung. Einen Überblick über Symptome und Formen gibt die Seite Bipolare Störung.

Bei Therapy Lift begleiten approbierte Psychotherapeut:innen per Video, auch bei der Arbeit an Auslösern, Frühwarnzeichen und einem stabilen Tagesrhythmus, ergänzend zur psychiatrischen Behandlung. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei, mehr unter Online-Psychotherapie.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, rund um die Uhr) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Die deutsche S3-Leitlinie geht von einer relativ starken genetischen Veranlagung aus, die mit Umwelteinflüssen, Stress und Persönlichkeitsfaktoren zusammenwirkt. Belastungen und Schlafmangel beeinflussen vor allem, wann Episoden auftreten.

Quellen