Psychotherapie

Ist Online-Psychotherapie das Richtige für mich?

Online-Therapie wirkt bei vielen Beschwerden ähnlich gut wie in der Praxis, ist aber nicht für alle die beste Wahl. Sechs Fragen helfen Ihnen, ehrlich abzuschätzen, ob das Format zu Ihrer Situation passt.

Aktualisiert: 6 min read
Emil Herrling

Geschrieben von

Emil Herrling

Medizinisch geprüft

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Gemälde im Stil van Goghs: Ein Mann mit Strohhut sitzt neben einem alten Bildschirm, auf dem sein eigenes Porträt zu sehen ist.

Ist Online-Psychotherapie das Richtige für mich?

Die Studienlage ist ermutigend: Bei Depressionen und anderen häufigen Beschwerden wirkt Psychotherapie per Video in Studien ähnlich gut wie in der Praxis. Trotzdem ist das Format nicht für alle die beste Wahl. Manche profitieren mehr von der ruhigen Atmosphäre eines Therapiezimmers, anderen fällt es online leichter. Und einige Situationen sprechen klar gegen Online-Therapie.

Dieser Artikel ist eine ehrliche Entscheidungshilfe: sechs Fragen, die Ihnen helfen einzuschätzen, ob Online-Therapie zu Ihrer Lebenssituation und Ihren Beschwerden passt. Eine endgültige Antwort gibt erst das Gespräch mit einer Therapeut:in. Eine fundierte erste Einschätzung können Sie aber schon vorab treffen.

Frage 1: Welche Beschwerden haben Sie?

Die Forschungslage ist je nach Beschwerdebild unterschiedlich dicht.

Gut untersucht im Videoformat: Depressionen und posttraumatische Belastungsstörung. Eine Metaanalyse randomisierter Studien fand bei Depressionen keinen relevanten Unterschied zwischen Video und Präsenz (Giovanetti und Kolleg:innen, 2022). Eine Übersichtsarbeit beschreibt eine gesicherte Evidenz für verhaltenstherapeutische Behandlungen bei PTBS und Depression per Video, große Studien auch für Krankheitsangst und Bulimie (Thomas und Kolleg:innen, 2021).

Vielversprechend, aber mit dünnerer Studienlage: weitere Angststörungen wie Panikstörung oder soziale Angst, Zwangsstörungen und weitere Essstörungen. Erste Studien zeigen, dass sich verhaltenstherapeutische Behandlungen gut übertragen lassen.

Eher Vorsicht: akute Suizidalität, akute psychotische Symptomatik, schwere Persönlichkeitsstörungen mit ausgeprägter Selbstgefährdung, Suchterkrankungen mit körperlicher Entzugssymptomatik. In diesen Fällen sind Präsenz oder eine stationäre Behandlung angezeigt.

Eine Übersicht zu Symptomen finden Sie für Depression, Angststörungen und Burnout. Zur ersten Orientierung eignen sich auch unsere psychologischen Selbsttests, eine Diagnose ersetzen sie nicht.

Frage 2: Wie ist Ihr räumliches Umfeld?

Das ist die unterschätzte Frage. Online-Therapie funktioniert nur, wenn Sie einen Raum haben, in dem Sie ungestört und offen sprechen können.

Was funktioniert: ein eigenes Zimmer mit Tür, ein Auto auf einem ruhigen Parkplatz, ein freier Besprechungsraum am Arbeitsplatz. Was nicht funktioniert: ein Wohnzimmer mit Mitbewohner:innen hinter der Tür, ein Großraumbüro, ein Café.

Wenn Sie keinen geeigneten Raum haben, ist das ein klares Argument für eine Praxis. Wer leise oder ausweichend spricht, weil jemand mithören könnte, kann sich in der Sitzung kaum öffnen. Kopfhörer helfen, ersetzen aber keine geschlossene Tür.

Frage 3: Wie vertraut sind Sie mit Videotelefonie?

Das Format ist nicht kompliziert, setzt aber voraus, dass Sie einen Videoanruf starten, Kamera und Mikrofon freigeben und mit kleinen technischen Problemen umgehen können. Wer Videocalls aus dem Beruf oder der Familie kennt, hat hier keine Hürde. Wer das noch nie gemacht hat, kann vorab mit einer vertrauten Person üben.

Das praktische Mindestmaß: eine stabile Internetverbindung, mit der Videoanrufe sonst flüssig laufen, ein Gerät mit funktionierender Kamera und Mikrofon und eine aktuelle App oder ein aktueller Browser. Was Sie konkret vorbereiten können, steht im Schritt-für-Schritt-Leitfaden.

Frage 4: Wie ist Ihre Lebenssituation gerade?

Praktische Fragen, die oft den Ausschlag geben:

  • Können Sie regelmäßig zur gleichen Zeit eine Stunde freihalten?
  • Haben Sie Kinder, die zu der Therapiezeit anders betreut werden können?
  • Reisen Sie viel? Dann kann Online stabiler sein als ein fester Praxisort.
  • Wohnen Sie in einer Region mit langen Wegen oder schwierigen Verbindungen?
  • Haben Sie eine körperliche Einschränkung, die Ihre Mobilität reduziert?

Wer berufstätig ist, kleine Kinder hat oder weit von einer Stadt entfernt wohnt, gewinnt durch Online-Therapie oft besonders viel. Wer ohnehin viel Zeit hat und eine Praxis in fußläufiger Nähe, gewinnt weniger.

Frage 5: Wie wichtig ist Ihnen die Begegnung im selben Raum?

Manche Patient:innen berichten, dass sie online „nicht ganz ankommen“. Sie vermissen den persönlichen Raum, das Gefühl, von einem Menschen empfangen zu werden, das ruhige Wartezimmer.

Das ist eine legitime Präferenz. Wenn Sie Ihre wichtigsten Gespräche immer von Angesicht zu Angesicht geführt haben, nehmen Sie das ernst. Studien zeigen ein gemischtes Bild: In einer Metaanalyse wurde die Arbeitsbeziehung per Video etwas schwächer bewertet, die Beschwerden gingen aber ähnlich stark zurück (Norwood und Kolleg:innen, 2018). Eine neuere Übersichtsarbeit fand, dass Patient:innen die Beziehung ähnlich einschätzen wie in der Praxis (Thomas und Kolleg:innen, 2021). Eine tragfähige Beziehung über Monate entsteht online also durchaus, sie beginnt nur anders.

Bei manchen Verfahren spielt die gemeinsame Anwesenheit im Raum auch fachlich eine größere Rolle, etwa bei körperorientierten Verfahren oder klassischer Psychoanalyse im Liegen.

Frage 6: Was sagen Ihre bisherigen Erfahrungen?

Wenn Sie schon einmal in Therapie waren: Was hat Ihnen damals geholfen? Was stand im Weg? Wer gut mit klar strukturierten Sitzungen zurechtkam, kommt online meist schnell hinein. Und wer sich in einer schweren Phase vorgenommen hatte, in eine Praxis zu gehen, und dann wegen des langen Wegs doch nicht hingegangen ist, für den kann Online eine echte Alternative sein.

Auch wenn es Ihre erste Therapie wäre: Ein erstes Gespräch per Video ist der beste Test. Bei Therapy Lift ist das Kennenlerngespräch kostenfrei. Danach wissen Sie meist schnell, ob Sie sich vor der Kamera öffnen können.

Eine ehrliche Zusammenfassung

Online-Therapie ist eine gute Wahl, wenn:

  • Ihre Beschwerden zu den gut untersuchten gehören (etwa Depression oder PTBS) oder erste Studien das Format stützen, wie bei vielen Angststörungen
  • Sie einen ungestörten Raum für die Sitzungen haben
  • zeitliche oder räumliche Flexibilität für Sie wertvoll ist
  • Sie sich grundsätzlich gut auf Videogespräche einlassen können

Online-Therapie ist nicht die richtige Wahl, wenn:

  • Sie aktuell akut suizidal sind oder schwere psychotische Symptome haben
  • Sie keinen geeigneten Raum für ungestörte Sitzungen finden
  • Ihnen die Begegnung im selben Raum für eine therapeutische Beziehung sehr wichtig ist
  • Verfahren mit körperlichem Bezug für Ihre Behandlung angezeigt sind

Wenn Ihre Antwort „passt vielleicht“ lautet, ist ein erstes Gespräch der pragmatischste Test. Den praktischen Ablauf beschreibt der Schritt-für-Schritt-Leitfaden zur Online-Psychotherapie, eine kompakte Übersicht zu Wirksamkeit, Verfahren und Kosten der Online-Psychotherapie finden Sie auf unserer Themenseite. Wenn Sie Bedenken beim Datenschutz haben, lesen Sie weiter im Beitrag Datenschutz bei Online-Therapie.

Therapy Lift bietet Psychotherapie per Video mit approbierten Psychotherapeut:innen für Privatversicherte und Selbstzahlende. In der Therapeutensuche sehen Sie vorab, wer mit welchen Schwerpunkten arbeitet.

Häufige Fragen

Für wen ist Online-Psychotherapie nicht geeignet?

Bei akuter Suizidalität, akuten psychotischen Symptomen, einem körperlichen Entzug oder schweren Krisen mit Selbstgefährdung braucht es engeren Kontakt, oft eine Klinik. Auch wer zu Hause keinen ungestörten Raum hat, ist mit einer Praxis meist besser beraten. Für Depressionen und PTBS ist das Videoformat dagegen gut untersucht, für viele Angststörungen sind die ersten Studien vielversprechend.

Ist die therapeutische Beziehung online schwächer?

Nicht unbedingt. In Studien wurde die Arbeitsbeziehung per Video teils etwas schwächer bewertet als in der Praxis, die Symptome gingen aber ähnlich stark zurück. Ob das für Sie gilt, zeigt sich meist schon in den ersten Sitzungen.

Wie kann ich testen, ob Online-Therapie zu mir passt?

Am besten in einem ersten Gespräch per Video. Bei Therapy Lift ist das Kennenlerngespräch kostenfrei. Danach wissen Sie meist schnell, ob Sie sich vor der Kamera öffnen können und ob Raum und Technik funktionieren.


Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, rund um die Uhr) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Quellen

  • Online-psychotherapie
  • Eignung
  • Selbstcheck
  • Psychotherapie
  • Entscheidungshilfe

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