Warum ADHS bei Erwachsenen oft spät erkannt wird
ADHS beginnt in der Kindheit, wird aber häufig erst Jahrzehnte später erkannt. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Kompensation: Viele Betroffene gleichen ihre Schwierigkeiten lange durch Mehrarbeit, hohe Leistungsbereitschaft oder äußere Strukturen aus, etwa durch Eltern, Schule oder einen festen Arbeitsalltag.
- Verändertes Bild: Die sichtbare Unruhe aus der Kindheit wird zu innerer Unruhe. Was bleibt, sind Unaufmerksamkeit, Desorganisation und emotionale Impulsivität, und die fallen weniger auf.
- Fehldeutung: Die Beschwerden werden als Stress, Burnout, Depression oder Charakterfrage eingeordnet.
- Steigende Anforderungen: Mit Studium, Beruf, Partnerschaft oder Kindern fallen schützende Strukturen weg. Die S3-Leitlinie ADHS beschreibt ausdrücklich, dass eine klinisch relevante Symptomatik erst im Zuge solcher Anforderungen sichtbar werden kann.
Nicht selten fällt die eigene ADHS erst auf, wenn ein Kind die Diagnose erhält. Die Leitlinie empfiehlt, bei einer ADHS-Diagnose im Kindesalter auch nach Symptomen bei Eltern und Geschwistern zu fragen.
Wer darf ADHS bei Erwachsenen diagnostizieren?
Die S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0) nennt für Erwachsene folgende Berufsgruppen:
- Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, Nervenheilkunde oder psychosomatische Medizin
- ärztliche und psychologische Psychotherapeut:innen
- Fachpsychotherapeut:innen für Erwachsene oder für neuropsychologische Psychotherapie
Wichtig ist Erfahrung mit ADHS im Erwachsenenalter. Stellen Psychotherapeut:innen die Diagnose, sollte die vorgeschriebene körperliche Untersuchung zusätzlich durch Ärzt:innen erfolgen. Viele Kliniken haben außerdem Spezialambulanzen für ADHS bei Erwachsenen. Ein guter erster Schritt ist oft die Hausärzt:in: Sie kann eine erste Einschätzung vornehmen, körperliche Ursachen prüfen und an Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen weitervermitteln.
Welche Kriterien gelten?
Die Leitlinie verlangt, dass die Symptome die Kriterien der ICD-10 oder des DSM-5 erfüllen. Für die Abrechnung wird in Deutschland nach der ICD-10-GM kodiert. Zentral sind vier Punkte:
- Symptome: Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität in einem Ausmaß, das über das Übliche deutlich hinausgeht. Nach DSM-5 müssen Erwachsene ab 17 Jahren mindestens fünf von neun Symptomen eines Bereichs zeigen.
- Dauer: Die Symptome bestehen seit mindestens sechs Monaten.
- Mehrere Lebensbereiche: Die Symptome und ihre Folgen zeigen sich zum Beispiel im Beruf, in der Partnerschaft und in der Freizeit. Treten sie nur in einem Bereich auf, kann das laut Leitlinie auf eine andere Ursache hinweisen.
- Beginn in der Kindheit: Nach DSM-5 waren mehrere Symptome schon vor dem 12. Lebensjahr vorhanden. Die ICD-10-GM beschreibt einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren.
Dazu kommt die Beeinträchtigung: Die Leitlinie verlangt mindestens moderate Einschränkungen in Beziehungen, Leistungsfähigkeit, Aktivitäten oder Teilhabe. Wer einzelne ADHS-typische Züge hat, aber gut damit zurechtkommt, hat keine ADHS-Diagnose.
Fällt die Belastung erst im Erwachsenenalter auf, spricht die Leitlinie von “late onset”. Dann soll geprüft werden, ob in der Kindheit bereits leichtere, unterschwellige Symptome bestanden.
Der Ablauf Schritt für Schritt
Eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen umfasst meist mehrere Termine. Typische Bausteine sind:
1. Klinisches Interview
Herzstück der Diagnostik. Laut Leitlinie soll die Beurteilung bei Erwachsenen überwiegend auf einem klinischen Interview beruhen. Es geht um die aktuellen Symptome, wie oft und wie stark sie auftreten, welche Folgen sie im Alltag haben, um frühere Behandlungen, Belastungen und Ressourcen. Häufig genutzt wird das strukturierte Interview DIVA-5.
2. Rückblick auf die Kindheit
Weil die Symptome in der Kindheit begonnen haben müssen, ist der Blick zurück unverzichtbar. Hilfreich sind:
- Schulzeugnisse, besonders die Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten
- Gespräche mit Eltern oder Geschwistern
- Fragebögen zur Kindheit wie die Wender-Utah-Rating-Scale (WURS-K)
3. Fragebögen und Fremdbeurteilung
Fragebögen wie der ADHS-Selbstbeurteilungsbogen (ADHS-SB) oder die Conners-Skalen für Erwachsene (CAARS) erfassen die aktuelle Symptomatik. Die Leitlinie empfiehlt, die eigenen Angaben mit denen enger Bezugspersonen abzugleichen, etwa der Partner:in. Kurze Screening-Fragebögen wie die ASRS der Weltgesundheitsorganisation geben einen ersten Hinweis, ersetzen die Diagnostik aber nicht.
4. Testpsychologische Untersuchung
Tests zu Aufmerksamkeit oder Arbeitsgedächtnis können ergänzend eingesetzt werden. Die Leitlinie stellt klar: Allein auf Grundlage neuropsychologischer Tests darf ADHS weder festgestellt noch ausgeschlossen werden. ADHS-Symptome müssen in der Untersuchungssituation auch nicht unbedingt auftreten.
5. Körperliche Untersuchung
Eine körperliche und insbesondere neurologische Untersuchung ist laut Leitlinie obligat. Laborwerte, EEG oder Bildgebung können ADHS nicht nachweisen. Sie werden eingesetzt, wenn körperliche Ursachen abgeklärt werden müssen, etwa eine Schilddrüsenerkrankung.
6. Abgrenzung und Begleiterkrankungen
Zum Schluss wird geprüft, ob andere Erkrankungen die Beschwerden besser erklären oder zusätzlich vorliegen. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.
7. Befundgespräch
Am Ende steht ein Gespräch über das Ergebnis. Unabhängig von der Diagnose sollte es erklären, woher die Schwierigkeiten kommen und welche Unterstützung sinnvoll ist. Für viele Erwachsene ist die Diagnose eine Entlastung, weil sie jahrelange Erfahrungen neu einordnet.
Wovon ADHS abgegrenzt werden muss
Viele Erkrankungen können ADHS ähneln. Gleichzeitig kommen sie häufig zusätzlich zu ADHS vor: Laut Leitlinie haben bis zu 85 % der Betroffenen mindestens eine weitere psychische Erkrankung. Die Diagnostik muss beides unterscheiden.
- Depression: Konzentrationsprobleme und Antriebslosigkeit sind auch typische Depressionssymptome. Laut Leitlinie spricht es für eine zusätzliche ADHS, wenn die Konzentrationsprobleme schon vor der depressiven Episode durchgängig bestanden. Siehe Depression: Symptome.
- Angststörungen: Unruhe und Anspannung können Ausdruck von Angst sein.
- Bipolare Störung: Hyperaktivität und Impulsivität müssen laut Leitlinie gut von einer Manie abgegrenzt werden. Bei bipolaren Störungen verlaufen die Beschwerden in Phasen, bei ADHS bestehen sie dauerhaft. Mehr unter Bipolare Störung.
- Borderline-Persönlichkeitsstörung: Impulsivität und starke Gefühlsschwankungen überschneiden sich. Die Leitlinie sieht Borderline eher als Differenzialdiagnose denn als Begleiterkrankung.
- Sucht: Alkohol, Cannabis oder andere Substanzen können Konzentration und Impulskontrolle beeinträchtigen.
- Schlafstörungen und Schlafapnoe: Chronischer Schlafmangel macht unkonzentriert und reizbar.
- Körperliche Ursachen: etwa Schilddrüsenerkrankungen. Treten die Symptome erstmals im höheren Alter auf, ist laut Leitlinie auch an beginnende demenzielle Erkrankungen zu denken.
Was kostet die Diagnostik?
Für gesetzlich Versicherte ist die ADHS-Diagnostik Kassenleistung, wenn sie bei Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen mit Kassenzulassung stattfindet. Für die psychotherapeutische Sprechstunde brauchen Sie keine Überweisung, Termine vermittelt auch die 116 117. Bei spezialisierten Ambulanzen und Praxen kann die Wartezeit lang sein. Bei Privatversicherten wird nach GOÄ beziehungsweise GOP abgerechnet, die private Krankenversicherung übernimmt die Kosten im Umfang des Tarifs.
Kann ADHS online diagnostiziert werden?
Teile der Diagnostik, etwa das klinische Interview und Fragebögen, lassen sich grundsätzlich auch per Video durchführen. Die körperliche Untersuchung findet aber persönlich bei einer Ärzt:in statt. Eine medikamentöse Behandlung sollen laut Leitlinie nur qualifizierte Fachärzt:innen beginnen, und erst nach gesicherter Diagnose. Angebote, die eine Diagnose nach einem kurzen Online-Fragebogen versprechen, erfüllen diese Anforderungen nicht.
Bei Therapy Lift arbeiten approbierte Psychotherapeut:innen per Video, einige mit Schwerpunkt ADHS bei Erwachsenen. Ob eine Therapeut:in diagnostische Gespräche anbietet, klären Sie im kostenfreien Kennenlerngespräch. Auch unabhängig von der Diagnostik kann Psychotherapie helfen, mit Überforderung oder einer begleitenden Depression umzugehen. Passende Ansprechpartner:innen finden Sie über die Therapeut:innensuche.
Was Sie zur Diagnostik mitbringen können
- eine Liste der Beschwerden mit konkreten Alltagsbeispielen
- Schulzeugnisse, Arbeitszeugnisse oder Beurteilungen
- falls möglich Angaben von Eltern, Geschwistern oder der Partner:in
- Informationen zu früheren Behandlungen und aktuellen Medikamenten
- das Ergebnis eines Selbsttests, etwa unseres ADHS-Tests für Erwachsene
Wie es nach einer Diagnose weitergeht, beschreibt der Beitrag ADHS bei Erwachsenen: Behandlung.