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Emil Herrling
Emil Herrling
  • Mar 12, 2024
  • Aktualisiert: Apr 28, 2026
  • 4 min read

Medizinisch geprüft von:

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Online-Psychotherapie: Wirksamkeit und aktuelle Studien

Was sagt die Forschung zur Wirksamkeit von Online-Psychotherapie? Eine Übersicht über Metaanalysen, randomisierte Studien und die Stellungnahmen der deutschen Fachgesellschaften.

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Online-Psychotherapie: Wirksamkeit und aktuelle Studien

Die Frage, ob Online-Psychotherapie wirklich wirkt, ist keine Frage der Meinung mehr. Sie ist eine Frage der Datenlage. Und die Datenlage ist seit etwa 2015 substanziell und in den letzten fünf Jahren noch deutlich umfangreicher geworden. Wer heute behauptet, Online-Therapie sei eine Notlösung mit zweitklassiger Wirkung, hat die Forschung der letzten Jahre nicht gelesen.

Dieser Artikel fasst zusammen, was gut belegt ist, wo die Evidenz noch dünn ist und welche praktischen Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Er ist ausdrücklich kein Werbetext für das Format. Er ist ein Versuch, den Forschungsstand fair und ohne Beschönigung zu beschreiben.

Die wichtigsten Studien im Überblick

Andrews et al. (2018) — die große Metaanalyse

Eine der einflussreichsten Arbeiten zur Online-Therapie. Die Autoren werteten 64 randomisiert-kontrollierte Studien zu internetbasierter kognitiver Verhaltenstherapie aus, mit insgesamt mehr als 7.000 Teilnehmenden. Untersucht wurden Depression, Panikstörung, soziale Phobie und generalisierte Angststörung.

Das zentrale Ergebnis: Internetbasierte KVT zeigt klinisch relevante Effekte mit Effektstärken um Cohen’s d ≈ 0,8, vergleichbar mit denen von Präsenztherapie. Die Autoren schlussfolgerten, dass internetbasierte KVT für die untersuchten Indikationen als wirksame Behandlungsoption gelten kann.

Carlbring et al. (2018) — Online vs. Präsenz im direkten Vergleich

Diese Metaanalyse fragte gezielt: Wenn man dieselbe Behandlung einmal online und einmal in der Praxis durchführt, was ist der Unterschied? 20 Studien mit direktem Vergleich wurden ausgewertet.

Das Ergebnis war eindeutig: Es gab keine statistisch signifikanten Unterschiede in den Behandlungseffekten zwischen Online- und Präsenzformat. Diese Arbeit wird häufig zitiert, wenn deutsche Fachgesellschaften ihre Stellungnahmen zur Videosprechstunde formulieren.

Studien zur Pandemie-Phase (2020 ff.)

Mit der Pandemie-bedingten Ausweitung der Videosprechstunden ist eine zweite Welle von Studien entstanden, oft pragmatischer Natur. Sie untersuchten reale Praxen statt sorgfältig kontrollierter Studienbedingungen.

Eine Studie aus dem Deutschen Ärzteblatt 2021 dokumentierte: Bei rund 60.000 Patient:innen, deren Therapie pandemiebedingt von Präsenz auf Video umgestellt wurde, blieben Symptomverlauf und Therapieerfolg in der Mehrzahl der Fälle vergleichbar. Therapieabbrüche waren sogar tendenziell seltener als vor der Umstellung.

Wo die Evidenz besonders solide ist

Aus der Gesamtschau der Studien ergibt sich ein klares Bild zu den Indikationen, bei denen Online-Format gut belegt ist:

  • Depressionen leichter und mittelschwerer Ausprägung. Über mehrere Metaanalysen hinweg konsistente Ergebnisse. Bei Verhaltenstherapie bei Depression ist Online ein etabliertes Format.
  • Angststörungen. Panikstörung, soziale Phobie, generalisierte Angststörung — alle gut untersucht. Mehr dazu unter Angststörung: Behandlung.
  • Posttraumatische Belastungsstörung in leichter bis mittelschwerer Ausprägung. Studien zeigen vergleichbare Ergebnisse zur Präsenztherapie, vorausgesetzt der Therapeut ist mit traumaspezifischer Behandlung vertraut.
  • Insomnie. Internetbasierte CBT-I (kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie) gilt nach mehreren Metaanalysen als evidenzbasierter Goldstandard.

Wo die Evidenz noch dünner ist

Drei Bereiche, in denen man vorsichtiger formulieren muss:

Schwere und chronifizierte Verläufe. Studien rekrutieren oft Patient:innen mit moderater Symptomausprägung. Für die Frage, wie Online-Therapie bei schweren depressiven Episoden mit ausgeprägtem Antriebsverlust oder bei chronischer Depression über Jahre wirkt, ist die Datenlage dünner.

Persönlichkeitsstörungen. Die Wirksamkeit von Online-Behandlung bei Borderline, narzisstischer oder schizoider Persönlichkeitsstörung ist nicht in vergleichbarer Tiefe untersucht.

Komplexe Traumafolgestörungen. Bei dissoziativen Störungen und komplexer PTBS empfiehlt die Forschungsliteratur oft eher Präsenz, jedenfalls in der Stabilisierungsphase.

In all diesen Fällen heißt “Evidenz dünner” nicht “Online wirkt nicht”. Es heißt: Es gibt weniger systematische Studien, daher ist die Empfehlung weniger eindeutig. Die individuelle Behandlungsentscheidung sollte in solchen Fällen besonders sorgfältig zwischen Therapeut:in und Patient:in abgewogen werden.

Was die deutschen Fachgesellschaften sagen

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat 2020 ein Standpunktpapier zur Videobehandlung veröffentlicht. Kernaussagen:

  • Videobehandlung ist eine wirksame Behandlungsoption für viele Indikationen.
  • Sie sollte Patient:innen offen angeboten werden, ohne sie als “Notlösung” zu rahmen.
  • Die fachliche Qualifikation der Behandelnden bleibt der entscheidende Wirkfaktor.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat klare Anforderungen für die Durchführung von Videosprechstunden definiert (zertifizierte Anbieter, Verschlüsselung, Datenschutz). Mehr dazu unter Datenschutz bei Online-Therapie.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) sieht Online-Behandlung als integralen Teil moderner Psychotherapie, mit Indikationsstellung im Einzelfall.

Was das für die individuelle Entscheidung heißt

Drei nüchterne Schlüsse aus der Forschungslage.

Erstens: Wenn Sie an einer der gut untersuchten Indikationen leiden (Depression, Angst, leichte bis mittelschwere PTBS, Anpassungsstörungen, Insomnie), ist Online-Therapie kein Kompromiss. Sie ist eine evidenzbasierte Behandlungsoption.

Zweitens: Die Frage “wirkt das?” ist weniger interessant als die Frage “passt das zu mir?”. Die Studien sagen, dass im Mittel kein Wirksamkeitsunterschied messbar ist. Im Einzelfall hängt es von Persönlichkeit, Lebensumständen und der konkreten therapeutischen Beziehung ab. Mehr dazu in der Selbsteinschätzung.

Drittens: Was zählt, ist nicht das Format, sondern die fachliche Qualifikation der Therapeut:innen und die Qualität der therapeutischen Beziehung. Eine sehr gute Online-Therapeutin schlägt eine schlechte Präsenztherapie. Und umgekehrt. Das Medium ist nur eine Variable von vielen.

Wenn Sie überlegen anzufangen, finden Sie im Schritt-für-Schritt-Leitfaden eine konkrete Anleitung zum Einstieg, im Beitrag zu Vorteilen eine Übersicht der praktischen Pluspunkte.

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