Eine Angststörung ist eine klinische Diagnose. Es gibt keinen Bluttest, keinen Scan und keinen Algorithmus, der sie nachweist. Was es gibt: ein strukturiertes Erstgespräch, validierte Fragebögen, eine sorgfältige körperliche Abklärung. Dieser Artikel beschreibt, woran Sie selbst erste Hinweise erkennen, wie der diagnostische Prozess in der Praxis tatsächlich abläuft und welche Anlaufstellen sinnvoll sind.
Eine Übersicht zu Symptomen, Hauptformen und Häufigkeit finden Sie unter Angststörung: Symptome und Formen.
Fünf Muster zur Selbstprüfung
Eine Selbsteinschätzung ersetzt keine Diagnose. Aber wenn Sie sich in mehreren der folgenden Muster über Wochen oder länger wiedererkennen, ist ein Erstgespräch sinnvoll.
1. Anhaltende Sorgen über die meisten Tage einer Woche. Konkreter Anhaltspunkt für eine generalisierte Angststörung: an mindestens vier von sieben Tagen über sechs Monate hinweg übermäßige, schwer kontrollierbare Sorgen, die das Alltagsleben beeinträchtigen.
2. Schlafstörungen durch nächtliches Grübeln. Etwa die Hälfte aller Menschen mit Angststörungen schläft schlecht ein oder wacht früh wieder auf — meist verbunden mit kreisenden Gedanken, die keinen Anker in einer konkreten Situation haben.
3. Anhaltende Muskelverspannungen und Spannungskopfschmerzen. Schulter, Nacken, Rücken. Wer lange mit unbehandelter Angst lebt, hat diese Beschwerden oft als „normal” abgespeichert.
4. Körperliche Symptome ohne klare medizinische Ursache. Magen-Darm-Beschwerden, Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel, Zittern. Diese vegetativen Reaktionen sind oft die ersten Hinweise, mit denen Patient:innen zum Hausarzt kommen — und werden zunächst körperlich abgeklärt, was sinnvoll und richtig ist.
5. Ausgeprägte Intoleranz gegenüber Ungewissheit. Entscheidungen werden gemieden, das gleiche Thema wird wieder und wieder durchgegangen, Rückversicherung wird gesucht (bei Partner, bei Ärzten, im Internet). Dieses Grübeln senkt die Angst kurzfristig und verstärkt sie langfristig.
Wenn eines oder mehrere dieser Muster über Wochen anhalten und Ihr Alltagsleben beeinträchtigen, gehört das Thema in ein professionelles Gespräch. Eine frühe Behandlung verbessert die Prognose erheblich.
Wer eine Diagnose stellen darf
Drei Berufsgruppen sind formal berechtigt, eine Angststörung zu diagnostizieren:
- Hausärzt:innen — niedrigschwellig, gut für die Basisdiagnostik, oft erste Anlaufstelle. Können bei Bedarf an Fachpsychotherapie oder Psychiatrie überweisen.
- Approbierte Psychotherapeut:innen (psychologische oder ärztliche) — die psychotherapeutische Sprechstunde ist seit 2017 direkt buchbar, ohne Überweisung. Sie dient genau dieser Erstabklärung.
- Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie oder Psychosomatische Medizin — zuständig vor allem bei komplexen Verläufen, bei Mehrfachdiagnosen oder wenn eine medikamentöse Behandlung erwogen wird.
Terminvermittlung läuft unter anderem über die Terminservicestelle 116 117. Bei akuten Krisen sind die psychiatrischen Institutsambulanzen vieler Kliniken ohne Termin erreichbar.
So läuft ein Erstgespräch ab
Das diagnostische Erstgespräch dauert in der Regel 50 Minuten. Es bewegt sich entlang einer klaren Struktur, auch wenn das Gespräch offen wirkt.
Symptomatik. Welche Situationen lösen Angst aus? Wie äußert sich diese körperlich und gedanklich? Wie häufig kommen die Symptome vor, wie intensiv sind sie? Was hat sich seit Beginn verändert?
Vermeidung. Was vermeiden Sie aktiv? Welche Wege gehen Sie nicht mehr, welche Termine sagen Sie ab, welche Situationen umgehen Sie? Vermeidung ist diagnostisch zentral — sie unterscheidet eine Angststörung von normaler Vorsicht.
Funktionsniveau. Wie stark beeinträchtigt die Angst Beruf, Beziehungen, Freizeit? Können Sie noch tun, was Sie tun möchten?
Vorgeschichte. Wann hat es angefangen? Gab es frühere Episoden? Familiäre Häufung von Angst oder Depression? Frühere psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung?
Somatik. Bestehende körperliche Erkrankungen, aktuelle Medikamente, Substanzkonsum (Koffein, Alkohol, Cannabis, andere). Diese Angaben sind diagnostisch wichtig, weil sie körperliche Differenzialdiagnosen eröffnen oder ausschließen.
Komorbidität und Suizidalität. Bestehen zusätzlich depressive Symptome? Bestehen Suizidgedanken? Das wird direkt angesprochen, weil es die Behandlungsplanung beeinflusst.
Am Ende des Erstgesprächs steht meist eine vorläufige Einordnung und ein konkreter Vorschlag für das weitere Vorgehen — manchmal direkt der Beginn einer Probatorik, manchmal eine Überweisung zur weiteren ärztlichen Abklärung, manchmal das Angebot, in einigen Wochen erneut zu sprechen.
Welche Fragebögen typischerweise eingesetzt werden
Fragebögen ergänzen das Gespräch, sie ersetzen es nicht. Sie strukturieren die Symptomatik und machen Veränderungen über die Behandlung hinweg messbar.
- GAD-7 — sieben Items zu Sorgen, Unruhe, Reizbarkeit. Standard in der hausärztlichen Praxis, schnell auszufüllen, gut validiert für generalisierte Angststörung.
- PHQ-Angstmodul — Teil des Patient Health Questionnaire, oft parallel zur Depressionsversion eingesetzt.
- Hamilton-Angst-Skala (HAM-A) — ausführlicher, fremdbeurteilt, häufig in klinischen Studien.
- Panic and Agoraphobia Scale (PAS) — spezifisch für Panikstörung und Agoraphobie.
- Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS) — für soziale Angststörung.
Bei spezifischen Phobien sind Fragebögen weniger gebräuchlich — die Diagnose ergibt sich meist klar aus der Anamnese.
Körperliche Differenzialdiagnostik
Bevor eine Angststörung diagnostiziert wird, müssen körperliche Ursachen ausgeschlossen werden. Die Standarduntersuchungen:
- Schilddrüsenfunktion (TSH, ggf. fT3 und fT4) — eine Überfunktion verursacht oft Herzrasen, innere Unruhe, Schwitzen und Schlafstörungen, was leicht mit Angst verwechselbar ist.
- EKG, bei Bedarf Langzeit-EKG — Herzrhythmusstörungen können Panikattacken-ähnliche Symptome erzeugen.
- Blutbild und Basislabor — Anämie, Elektrolyte, Blutzucker, Nieren- und Leberwerte. Diese Werte sind selten direkt ursächlich, aber sie schließen viele Mitspielerinnen aus.
- Substanzanamnese — Koffein (oft unterschätzt), Alkohol, Cannabis, Beruhigungsmittel im Entzug, Stimulanzien.
Bei untypischen Verläufen kommen weitere Untersuchungen hinzu — Lungenfunktion bei Atemnotsymptomen, in seltenen Fällen ein Phäochromozytom-Ausschluss. Diese Basisdiagnostik wird in der Regel hausärztlich veranlasst.
Wenn die Diagnose unklar bleibt
Das ist häufiger als man denkt. Drei Konstellationen begegnen uns in der Praxis besonders oft:
- Angst und Depression vermischt — beide Bilder überlappen, die Behandlung muss beides berücksichtigen. Die Reihenfolge der Schwerpunkte richtet sich danach, welches Bild aktuell stärker einschränkt.
- Trauma im Hintergrund — was wie eine generalisierte Angststörung aussieht, kann eine posttraumatische Belastungsstörung sein. Hier ist die Behandlung anders.
- Subklinische Verläufe — die Symptome sind da, erfüllen aber nicht alle Kriterien einer eindeutigen Diagnose. Auch hier kann eine Behandlung sinnvoll sein, oft im Sinne früher Intervention.
Wenn nach dem Erstgespräch noch Unklarheit besteht, ist eine Wiedervorstellung nach einigen Wochen sinnvoll. Eine Diagnose ist keine endgültige Festschreibung, sondern eine Arbeitsgrundlage, die im Verlauf überprüft wird.
Wie geht es nach der Diagnose weiter?
Nach einer bestätigten Diagnose stehen mehrere Behandlungswege zur Verfügung. Die deutschen S3-Leitlinien empfehlen in den meisten Fällen die kognitive Verhaltenstherapie als Behandlung der ersten Wahl, oft kombiniert mit gezielten Konfrontationsverfahren. Mehr unter Angststörung: Behandlung.
Wenn Sie über die Hintergründe und Ursachen Ihrer Angst mehr verstehen möchten, finden Sie eine Übersicht zu den biologischen, lerntheoretischen und kognitiven Faktoren unter Ursachen einer Angststörung.
Häufige Fragen
Wer kann eine Angststörung diagnostizieren? +
Drei Berufsgruppen sind formal berechtigt: Hausärzt:innen, approbierte Psychotherapeut:innen (psychologische oder ärztliche) und Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie oder für Psychosomatische Medizin. In der Praxis sind Hausärzt:innen der niedrigschwelligste erste Anlaufpunkt. Eine vertiefte differenzialdiagnostische Einordnung gehört in fachpsychotherapeutische oder psychiatrische Hände.
Brauche ich eine Überweisung zur Psychotherapie? +
Nein. Die psychotherapeutische Sprechstunde, die seit 2017 in Deutschland zur Regelversorgung gehört, ist direkt buchbar — ohne Überweisung. Sie dient der Einschätzung, ob eine Behandlungsindikation vorliegt, und mündet bei Bedarf in eine Probatorik und reguläre Psychotherapie. Termine vermittelt unter anderem die Terminservicestelle 116 117.
Welche Fragebögen werden eingesetzt? +
Am häufigsten der GAD-7 (sieben Fragen zur generalisierten Angst, gut im hausärztlichen Setting), das PHQ-Angstmodul, die Hamilton-Angst-Skala (HAM-A, ausführlicher, oft in Studien) und für Panikstörung die Panic and Agoraphobia Scale. Bei sozialer Angststörung kommt häufig die Liebowitz Social Anxiety Scale zum Einsatz. Diese Bögen ersetzen keine Diagnose, sondern strukturieren das Gespräch und machen Verläufe messbar.
Welche körperlichen Ursachen müssen ausgeschlossen werden? +
Drei stehen im Vordergrund: Schilddrüsenüberfunktion (TSH-Bestimmung), Herzrhythmusstörungen (EKG, bei Bedarf Langzeit-EKG) und Substanzeffekte (Koffein, Alkohol, Cannabis, Beruhigungsmittel im Entzug). Bei untypischen Verläufen kommen weitere Untersuchungen hinzu — Lungenfunktion, Glukose, in seltenen Fällen ein Phäochromozytom-Ausschluss. Diese Basisdiagnostik macht meist der Hausarzt.
Wie sicher ist die Diagnose einer Angststörung? +
Bei klar ausgeprägten Verläufen sehr sicher — die diagnostischen Kriterien der ICD-11 sind operationalisiert und gut untersucht. Schwieriger wird es bei Mischbildern (Angst plus Depression, Angst plus Substanzkonsum) und bei subklinischen Verläufen. Eine Wiedervorstellung nach einigen Wochen ist sinnvoll, wenn die Erstdiagnose unklar bleibt.
Was passiert im ersten Termin? +
Ein 50-minütiges Gespräch, das die Symptomatik strukturiert erfasst: Welche Situationen lösen Angst aus? Wie äußert sie sich körperlich? Was vermeiden Sie? Wie stark sind Sie eingeschränkt? Hinzu kommen Fragen zur Vorgeschichte, zu früheren Episoden, zu körperlichen Erkrankungen, zu Substanzkonsum und — wichtig — zu Suizidgedanken. Am Ende des Erstgesprächs steht meist eine vorläufige Einordnung und ein Vorschlag für das weitere Vorgehen.
Wie lange dauert es, bis eine Diagnose feststeht? +
In den meisten Fällen reichen ein bis drei Sitzungen. Komplexere Fälle (Mehrfachdiagnosen, unklare körperliche Beteiligung) brauchen länger, vor allem wenn weitere ärztliche Untersuchungen abgewartet werden müssen. Eine Diagnose ist keine endgültige Festschreibung — sie wird im Verlauf der Behandlung überprüft und ggf. angepasst.
Wichtiger Hinweis
Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte
Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.