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Angststörung diagnostizieren: Selbsttest, Erstgespräch und körperliche Abklärung

Eine Angststörung wird im Gespräch diagnostiziert, nicht mit einem Bluttest oder einer Bildgebung. Grundlage sind ein strukturiertes Erstgespräch, validierte Fragebögen wie der GAD-7 und der Ausschluss körperlicher Ursachen. Hier erfahren Sie, woran Sie erste Hinweise erkennen, wie die Abklärung abläuft und wer eine Diagnose stellen darf.

Emil Herrling
Emil Herrling
  • 10. März 2025
  • Aktualisiert: 4. Oktober 2026
  • 6 min read

Medizinisch geprüft von

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Für eine Angststörung gibt es keinen Bluttest, keinen Scan und keinen Algorithmus, der sie nachweist. Die Diagnose entsteht im Gespräch, gestützt durch Fragebögen und eine körperliche Untersuchung. Das klingt weniger handfest, als viele erwarten. In der Praxis ist es aber ein gut strukturierter Prozess mit klaren Kriterien.

Einen Überblick über Symptome, Formen und Häufigkeit finden Sie unter Angststörung: Symptome und Formen.

Fünf Muster zur Selbstprüfung

Eine Selbsteinschätzung ersetzt keine Diagnose. Wenn Sie sich aber in mehreren der folgenden Muster über Wochen oder länger wiedererkennen, ist ein Erstgespräch sinnvoll.

1. Sorgen an den meisten Tagen. Für eine generalisierte Angststörung sprechen übermäßige, schwer kontrollierbare Sorgen über alltägliche Dinge, die an den meisten Tagen und über mindestens mehrere Monate auftreten. Die Forschungskriterien der ICD-10 nennen einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten.

2. Schlafprobleme durch Grübeln. Schwer einschlafen, nachts aufwachen, Gedanken, die kreisen, ohne an einer konkreten Situation festzumachen zu sein.

3. Dauerhafte Anspannung. Verspannter Nacken, Schultern und Rücken, Spannungskopfschmerzen, innere Unruhe. Wer lange mit Angst lebt, hält diesen Zustand oft für normal.

4. Körperliche Beschwerden ohne klaren Befund. Herzrasen, Magen-Darm-Probleme, Schwitzen, Schwindel, Zittern. Mit genau diesen Beschwerden kommen viele zuerst in die Hausarztpraxis. Die S3-Leitlinie weist darauf hin, dass Angststörungen deshalb oft lange unerkannt bleiben: Betroffene sprechen eher über Schmerzen oder Schlafprobleme als über Angst.

5. Rückversicherung und Vermeidung. Entscheidungen werden aufgeschoben, dasselbe Thema wird immer wieder durchgegangen, Sie fragen bei Partner:in, Ärzt:innen oder im Internet nach, ob alles in Ordnung ist. Oder Sie meiden bestimmte Orte und Situationen. Beides senkt die Angst kurzfristig und verstärkt sie langfristig.

Für eine erste Orientierung gibt es kurze Selbsttests, zum Beispiel zur generalisierten Angst (GAD-7), zur Panikstörung, zur Agoraphobie, zur sozialen Phobie und zu spezifischen Phobien. Ein auffälliges Ergebnis ist ein Grund für ein Gespräch, keine Diagnose.

Die Fragen, die Fachleute zuerst stellen

Die S3-Leitlinie empfiehlt bei Verdacht kurze Screeningfragen. Sinngemäß lauten sie so:

  • Panikstörung und Agoraphobie: Haben Sie plötzliche Zustände mit Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Luftnot oder Todesangst? Haben Sie Angst in Menschenmengen, engen Räumen oder öffentlichen Verkehrsmitteln, und meiden Sie solche Situationen?
  • Generalisierte Angststörung: Fühlen Sie sich nervös oder angespannt? Machen Sie sich häufiger Sorgen als andere und haben Sie das Gefühl, das nicht kontrollieren zu können?
  • Soziale Phobie: Haben Sie Angst in Situationen, in denen andere Sie negativ beurteilen oder Ihr Verhalten als peinlich ansehen könnten?
  • Spezifische Phobie: Haben Sie starke Angst vor bestimmten Dingen, etwa Insekten, Hunden, Blut, Spritzen, Höhe oder Gewitter?

Wer eine oder mehrere dieser Fragen klar mit Ja beantwortet, wird im Gespräch genauer nachgefragt.

Wer eine Diagnose stellen darf

  • Hausärzt:innen sind oft die erste Anlaufstelle, übernehmen die körperliche Abklärung und können an Fachärzt:innen überweisen.
  • Approbierte Psychotherapeut:innen klären in der psychotherapeutischen Sprechstunde, ob eine psychische Erkrankung vorliegt und welche Behandlung infrage kommt. Gesetzlich Versicherte brauchen dafür keine Überweisung.
  • Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie oder Psychosomatische Medizin sind besonders gefragt bei komplexen Verläufen, mehreren Diagnosen oder wenn eine medikamentöse Behandlung erwogen wird.

Termine für eine Sprechstunde vermittelt die Terminservicestelle unter 116 117. Bei akuten Krisen ist die Notaufnahme einer psychiatrischen Klinik rund um die Uhr ohne Termin erreichbar, im Notfall der Notruf 112.

So läuft das Erstgespräch ab

Ein diagnostisches Erstgespräch dauert meist 50 Minuten. Es wirkt offen, folgt aber einer klaren Struktur.

Symptome. Welche Situationen lösen Angst aus? Wie zeigt sie sich im Körper und in Gedanken? Wie oft, wie stark, seit wann?

Vermeidung. Was meiden Sie? Welche Wege gehen Sie nicht mehr, welche Termine sagen Sie ab? Vermeidung ist diagnostisch zentral, weil sie eine Angststörung von normaler Vorsicht unterscheidet.

Einschränkungen. Wie stark beeinträchtigt die Angst Beruf, Beziehungen und Freizeit? Können Sie noch tun, was Sie tun möchten?

Vorgeschichte. Wann hat es angefangen? Gab es frühere Phasen? Gibt es Angst oder Depression in der Familie? Gab es schon einmal eine Behandlung?

Körper und Substanzen. Bestehende Erkrankungen, aktuelle Medikamente, Konsum von Koffein, Alkohol, Cannabis oder anderen Substanzen. Diese Angaben öffnen oder schließen körperliche Erklärungen.

Begleiterkrankungen und Suizidgedanken. Gibt es zusätzlich depressive Symptome? Gibt es Suizidgedanken? Danach wird direkt gefragt, weil das Suizidrisiko bei Angststörungen erhöht sein kann und es die Behandlungsplanung bestimmt.

Am Ende steht meist eine vorläufige Einordnung und ein Vorschlag für das weitere Vorgehen: der Beginn probatorischer Sitzungen, eine ärztliche Abklärung oder ein weiteres Gespräch in einigen Wochen.

Welche Fragebögen eingesetzt werden

Fragebögen ergänzen das Gespräch. Sie strukturieren die Beschwerden und machen sichtbar, ob sich im Verlauf der Behandlung etwas verändert. Die Leitlinie empfiehlt, die Wirkung einer Behandlung regelmäßig mit klinischer Einschätzung oder Skalen zu prüfen.

  • GAD-7: sieben Fragen zu Sorgen, Unruhe und Reizbarkeit, schnell ausgefüllt, verbreitet in der Hausarztpraxis.
  • Hamilton-Angstskala (HAM-A): ausführlicher, wird von Fachleuten ausgefüllt, häufig in Studien.
  • Panik- und Agoraphobie-Skala (PAS): speziell für Panikstörung und Agoraphobie.
  • Liebowitz-Skala für soziale Angst (LSAS): für die soziale Phobie.

Bei spezifischen Phobien sind Fragebögen weniger üblich, weil sich die Diagnose meist klar aus dem Gespräch ergibt.

Körperliche Ursachen ausschließen

Angst fühlt sich körperlich an, und manche körperlichen Erkrankungen fühlen sich wie Angst an. Die S3-Leitlinie nennt als häufige körperliche Differenzialdiagnosen Lungenerkrankungen wie Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Rhythmusstörungen oder Angina pectoris, neurologische Erkrankungen, hormonelle Störungen wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder Unterzuckerung sowie Schwindelerkrankungen des Gleichgewichtsorgans.

Mindestens empfohlen sind:

  • ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung
  • Blutbild, Blutzucker und Elektrolyte (Kalzium, Kalium)
  • Schilddrüsenwert (TSH)
  • EKG mit Rhythmusstreifen

Je nach Beschwerden kommen eine Lungenfunktionsprüfung, eine Bildgebung des Kopfes (MRT oder CT) oder ein EEG hinzu. Dazu gehört immer die Frage nach Substanzen: Koffein wird oft unterschätzt, ebenso der Entzug von Alkohol oder Beruhigungsmitteln. Diese Untersuchungen veranlasst in der Regel die Hausarztpraxis. Bei neuen, starken Brustschmerzen oder Atemnot, die Sie nicht einordnen können, rufen Sie den Notruf 112. Ob ein Herzinfarkt vorliegt, lässt sich nur ärztlich klären.

Wenn die Diagnose unklar bleibt

Das ist häufiger, als viele denken. Drei Konstellationen kommen besonders oft vor:

  • Angst und Depression zugleich. Beide Bilder überlappen. Die Leitlinie rät, die Mischdiagnose F41.2 nur zu verwenden, wenn weder Angst noch Depression für sich stark genug ausgeprägt sind. Sonst werden beide Diagnosen gestellt und beide behandelt.
  • Trauma im Hintergrund. Was wie eine generalisierte Angst aussieht, kann eine posttraumatische Belastungsstörung sein. Dann sieht die Behandlung anders aus.
  • Unterschwellige Beschwerden. Die Symptome sind da, erfüllen aber nicht alle Kriterien. Auch dann kann eine Behandlung sinnvoll sein, wenn der Leidensdruck hoch ist.

Bleibt nach dem Erstgespräch etwas offen, ist ein zweiter Termin nach einigen Wochen sinnvoll. Eine Diagnose ist eine Arbeitsgrundlage, die im Verlauf überprüft wird.

Diagnostik per Video

Das psychotherapeutische Erstgespräch lässt sich auch per Video führen. Die Fragen, Fragebögen und die Einordnung sind dieselben. Die körperliche Abklärung bleibt Aufgabe der Hausarztpraxis, und Befunde, die dort schon vorliegen, sollten Sie in das Gespräch mitbringen. Bei Therapy Lift ist das Kennenlerngespräch mit einer approbierten Psychotherapeut:in kostenfrei. In der Therapeutensuche können Sie Profile und Schwerpunkte ansehen, bevor Sie einen Termin buchen.

Wie es nach der Diagnose weitergeht

Steht die Diagnose, empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie Psychotherapie oder Medikamente und berücksichtigt dabei ausdrücklich die Präferenz der Patient:in. Unter den Psychotherapien hat die kognitive Verhaltenstherapie die beste Studienlage. Wie die Behandlung konkret aussieht, beschreibt Angststörung: Behandlung. Woher die Angst kommt und warum sie sich verfestigt, erklärt Ursachen einer Angststörung.

Häufige Fragen

Wer kann eine Angststörung diagnostizieren? +

Hausärzt:innen, approbierte Psychotherapeut:innen sowie Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie oder für Psychosomatische Medizin. Hausärzt:innen sind oft die erste Anlaufstelle und übernehmen die körperliche Abklärung. Die genaue Einordnung und die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen gehören in psychotherapeutische oder psychiatrische Hände.

Brauche ich eine Überweisung zur Psychotherapie? +

Nein. Gesetzlich Versicherte können die psychotherapeutische Sprechstunde direkt buchen. Sie wurde im April 2017 eingeführt und ist seit April 2018 der Pflichteinstieg vor jeder weiteren Behandlung. Termine vermittelt auch die Terminservicestelle unter 116 117.

Welche Fragebögen werden bei Angst eingesetzt? +

Häufig der GAD-7 mit sieben Fragen zur generalisierten Angst, die Hamilton-Angstskala (HAM-A), die Panik- und Agoraphobie-Skala (PAS) und bei sozialer Phobie die Liebowitz-Skala (LSAS). Fragebögen ersetzen keine Diagnose. Sie strukturieren das Gespräch und machen Veränderungen im Verlauf der Behandlung messbar.

Welche körperlichen Ursachen müssen ausgeschlossen werden? +

Die S3-Leitlinie empfiehlt mindestens eine ausführliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung, Blutbild, Blutzucker, Elektrolyte, einen Schilddrüsenwert (TSH) und ein EKG. Je nach Beschwerden kommen Lungenfunktion, Bildgebung des Kopfes oder ein EEG hinzu. Diese Basisdiagnostik übernimmt in der Regel die Hausarztpraxis.

Wie lange dauert es, bis eine Diagnose feststeht? +

Oft reichen ein bis drei Gespräche für eine erste Einordnung. Bei mehreren Diagnosen oder unklaren körperlichen Beschwerden dauert es länger, vor allem wenn Untersuchungsergebnisse abgewartet werden. Eine Diagnose ist keine endgültige Festschreibung, sie wird im Verlauf der Behandlung überprüft.

Wichtiger Hinweis

Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.

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