1. Diagnosen

  2. Dissoziative Störungen
  3. Dissoziative Störungen: Diagnose

Dissoziative Störungen: Diagnose

Dissoziative Störungen werden oft erst nach Jahren erkannt. Die Symptome ähneln Depression, Psychosen oder neurologischen Erkrankungen, und Betroffene sprechen selten von sich aus darüber. Dieser Beitrag zeigt, wie eine Diagnose gestellt wird, welche Instrumente dabei helfen und welche anderen Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen.

Emil Herrling
Emil Herrling
  • 15. April 2025
  • Aktualisiert: 7. Oktober 2026
  • 6 min read

Medizinisch geprüft von

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Viele Menschen mit einer dissoziativen Störung haben bereits mehrere Diagnosen hinter sich, bevor jemand nach Erinnerungslücken oder Entfremdungsgefühlen fragt. Das liegt nicht an mangelnder Sorgfalt allein. Dissoziative Symptome sind schwer zu beschreiben, sie überschneiden sich mit anderen Erkrankungen, und das Sprechen darüber ist oft mit Scham verbunden. Eine gute Diagnostik nimmt sich deshalb Zeit.

Warum dissoziative Störungen oft übersehen werden

  • Ähnlichkeit mit anderen Erkrankungen. Dissoziative Symptome treten auch bei PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depression, Angststörungen und Psychosen auf.
  • Körperliche Symptome. Lähmungen, Anfälle oder Taubheit führen zunächst in die Neurologie. Bis die Diagnose klar ist, vergehen oft Jahre mit vielen Untersuchungen.
  • Scham und Angst. Viele fürchten, für verrückt gehalten zu werden, wenn sie von Stimmen, Zeitverlust oder einem fremden Körpergefühl erzählen.
  • Lücken in der Erinnerung. Wer Zeit verliert, bemerkt das oft nur indirekt, etwa durch Dinge, die andere erzählen.
  • Seltenes Nachfragen. Ohne gezielte Fragen berichten die meisten Betroffenen nicht von sich aus.

Wer die Diagnose stellt

Ansprechpartner:innen sind psychologische und ärztliche Psychotherapeut:innen sowie Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie oder für Psychosomatische Medizin, idealerweise mit Erfahrung in Traumafolgestörungen. Bei körperlichen Symptomen gehört die Neurologie zum Team. In der gesetzlichen Krankenversicherung beginnt die Abklärung meist in der psychotherapeutischen Sprechstunde und den probatorischen Sitzungen, ohne Überweisung. Termine vermittelt die 116 117.

So läuft die Abklärung ab

Das Gespräch

Fachleute fragen gezielt nach Erfahrungen, die Betroffene selbst oft nicht einordnen:

  • Gibt es Zeiträume, an die Sie sich nicht erinnern?
  • Finden Sie sich an Orten wieder, ohne zu wissen, wie Sie dorthin gekommen sind?
  • Erleben Sie sich manchmal wie von außen, wie im Film oder wie ferngesteuert?
  • Wirkt die Umgebung manchmal unwirklich, neblig oder fern?
  • Hören Sie Stimmen im Kopf oder haben Sie das Gefühl, dass andere Anteile von Ihnen handeln?
  • Gibt es Lähmungen, Anfälle oder Gefühlsstörungen, für die keine Ursache gefunden wurde?

Dazu kommen Fragen nach Auslösern, Dauer, Folgen im Alltag und nach belastenden Erfahrungen. Details traumatischer Erlebnisse müssen für die Diagnose nicht erzählt werden. Sie bestimmen Tempo und Tiefe mit.

Typische Schilderungen von Betroffenen klingen etwa so:

  • “Ich weiß oft nicht, wie der Nachmittag vergangen ist.”
  • “Es ist, als würde ich durch eine Glasscheibe auf mein Leben schauen.”
  • “Andere erzählen mir Dinge, die ich gesagt haben soll, an die ich mich nicht erinnere.”

Fragebögen

Fragebögen helfen, das Ausmaß dissoziativer Erfahrungen einzuschätzen. Sie ersetzen keine Diagnose.

  • Fragebogen zu dissoziativen Symptomen (FDS): die deutsche Fassung der international verbreiteten Dissociative Experiences Scale (DES), auch als Kurzform verfügbar. Er erfasst, wie häufig Amnesie, Depersonalisation, Derealisation und Absorption im Alltag vorkommen.
  • Fragebögen zur körperlichen Dissoziation, etwa der SDQ-20, wenn Lähmungen, Taubheit oder Schmerzunempfindlichkeit im Vordergrund stehen.
  • Fragebögen zur Depersonalisation, etwa die Cambridge Depersonalisation Scale.

Strukturierte Interviews

Für eine sichere Diagnose, besonders bei Verdacht auf eine dissoziative Identitätsstörung, nutzen Fachleute strukturierte Interviews. Im deutschsprachigen Raum verbreitet ist das Strukturierte Klinische Interview für Dissoziative Störungen (SKID-D), das alle Symptombereiche systematisch abfragt. Weitere Instrumente sind der Multidimensional Inventory of Dissociation und das Dissociative Disorders Interview Schedule.

Körperliche Abklärung

Bevor eine dissoziative Störung diagnostiziert wird, müssen körperliche Ursachen ausgeschlossen werden. Laut MSD Manual gehören dazu je nach Form:

  • neurologische Untersuchung
  • Bildgebung des Gehirns, etwa MRT
  • EEG, bei Anfällen möglichst ein Video-EEG, das Anfall und Hirnströme gleichzeitig aufzeichnet
  • Laborwerte und toxikologische Untersuchungen auf Alkohol, Drogen und Medikamente

Gedächtnislücken nach Alkohol oder Drogen, nach einem epileptischen Anfall, bei Demenz oder nach Kopfverletzungen sind keine dissoziative Amnesie. Die ICD-10-GM schließt diese Ursachen ausdrücklich aus.

Begleiterkrankungen

Weil dissoziative Störungen selten allein auftreten, wird auch auf Depression, Angst, PTBS, Sucht, Essstörungen, Selbstverletzung und Suizidgedanken geachtet. Diese Fragen sind wichtig für die Sicherheit und für die Planung der Behandlung.

Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

Posttraumatische Belastungsstörung. Im Vordergrund stehen Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung. Dissoziation kann hinzukommen, im DSM-5-TR gibt es dafür einen eigenen dissoziativen Subtyp. Steht die Dissoziation im Mittelpunkt, kommt eine eigenständige dissoziative Störung infrage. Mehr unter PTBS: Diagnose.

Komplexe PTBS. Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) beschreibt, dass auch hier Amnesien, dissoziative Episoden oder Depersonalisation auftreten können. Die Grenze ist fließend.

Borderline-Persönlichkeitsstörung. Kurze, stressabhängige Dissoziation gehört zu den möglichen Merkmalen. Im Vordergrund stehen aber Gefühlsschwankungen, Impulsivität und Angst vor dem Verlassenwerden. Beide Störungen können gemeinsam vorliegen.

Schizophrenie und andere Psychosen. Bei der dissoziativen Identitätsstörung werden Stimmen gehört, was leicht zur Fehldiagnose einer Psychose führt. Die Stimmen werden aber meist im eigenen Kopf und als Teil von sich erlebt, und der Realitätsbezug bleibt erhalten. Bei Depersonalisation wissen Betroffene laut MSD Manual, dass ihre Erfahrungen nicht real sind. Bei einer Psychose geht diese Unterscheidung verloren, oft mit Wahn.

Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen. Dissoziative Anfälle können epileptischen sehr ähneln. Zungenbiss, Sturzverletzungen und Urinabgang sind bei ihnen laut ICD-10-GM aber selten, und ein Bewusstseinsverlust fehlt oft. Ein Video-EEG schafft am ehesten Klarheit. Beides kann auch gemeinsam vorkommen.

Bewusstes Vortäuschen. Simulation ist keine dissoziative Störung und wird in der ICD-10-GM ausdrücklich abgegrenzt. Menschen mit dissoziativen Störungen leiden unter ihren Symptomen und können sie nicht willentlich steuern.

Klassifikation: ICD-10-GM, ICD-11 und DSM-5-TR

In Deutschland wird nach der ICD-10-GM (Version 2026) diagnostiziert. Die meisten Formen stehen unter F44, von der dissoziativen Amnesie (F44.0) bis zur multiplen Persönlichkeitsstörung (F44.81). Das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom steht unter F48.1.

Die ICD-11 ist international seit 2022 in Kraft, in Deutschland aber noch nicht eingeführt. Sie führt alle Formen einschließlich der Depersonalisation im Kapitel dissoziative Störungen, kennt neu eine partielle dissoziative Identitätsstörung und behandelt die Fugue als Unterform der Amnesie.

Das amerikanische DSM-5-TR nennt als dissoziative Störungen die dissoziative Identitätsstörung, die dissoziative Amnesie und die Depersonalisations- und Derealisationsstörung. Körperliche Ausfälle ordnet es als funktionelle neurologische Symptomstörung einem anderen Kapitel zu.

Nach der Diagnose

Eine zutreffende Diagnose entlastet viele Betroffene. Endlich gibt es eine Erklärung für Erfahrungen, die lange unverständlich waren. Ein gutes Befundgespräch erklärt, was Dissoziation ist, warum sie entstanden sein könnte und wie es weitergeht. Bei körperlichen Symptomen ist wichtig, dass sie als echt und behandelbar erklärt werden, nicht als “nur psychisch”. Welche Behandlung dann passt, beschreibt Dissoziative Störungen: Psychotherapie als Behandlung. Einen Überblick über die Formen gibt Dissoziative Störungen.

Was Sie jetzt tun können

  • Schreiben Sie auf, welche Erfahrungen Sie machen, wann und wie lange. Bitten Sie bei Zeitverlust Vertraute, Ihnen zu berichten, was sie beobachten.
  • Lassen Sie Anfälle, Lähmungen oder neue Gedächtnislücken ärztlich abklären.
  • Wenn Sie belastende Erfahrungen gemacht haben, kann unser PTBS-Selbsttest eine erste Orientierung geben. Dissoziative Störungen erfasst er nicht.

Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen, mit denen Sie eine Abklärung per Video beginnen können, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Die körperliche Abklärung findet ärztlich vor Ort statt. Mehr unter Therapeutensuche.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Wie werden dissoziative Störungen diagnostiziert? +

Grundlage ist ein ausführliches Gespräch über Erinnerungslücken, Entfremdungserleben, Identitätserleben und körperliche Symptome, ergänzt durch Fragebögen wie den FDS und strukturierte Interviews wie das SKID-D. Körperliche Ursachen wie Epilepsie, Hirnverletzungen oder Substanzen werden ärztlich ausgeschlossen. Oft braucht die Diagnose mehrere Termine.

Warum werden dissoziative Störungen oft übersehen? +

Die Symptome sind schwer in Worte zu fassen und ähneln anderen Erkrankungen. Viele Betroffene schämen sich, fürchten, für verrückt gehalten zu werden, oder erinnern sich an Lücken selbst nur lückenhaft. Ohne gezieltes Nachfragen bleibt die Störung deshalb häufig lange unerkannt.

Wer stellt die Diagnose? +

Psychotherapeut:innen und Fachärzt:innen für Psychiatrie oder Psychosomatik, idealerweise mit Erfahrung in Traumafolgestörungen. Bei Anfällen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen gehört die Neurologie dazu. Für die psychotherapeutische Sprechstunde braucht es keine Überweisung.

Wie unterscheidet sich eine dissoziative Störung von einer Schizophrenie? +

Bei Depersonalisation wissen Betroffene, dass sich die Welt nur unwirklich anfühlt. Bei der dissoziativen Identitätsstörung werden Stimmen meist im eigenen Kopf und als Teil von sich erlebt. Bei einer Psychose geht die Unterscheidung zwischen Innen und Außen dagegen verloren, oft mit Wahn. Weil sich Symptome überschneiden können, ist eine sorgfältige Abklärung wichtig.

Kann ich eine dissoziative Störung mit einem Online-Test feststellen? +

Nein. Fragebögen können Hinweise geben, ob dissoziative Erfahrungen häufig sind. Die Diagnose braucht ein Gespräch mit einer Fachperson, die auch andere Erkrankungen und körperliche Ursachen berücksichtigt.

Wichtiger Hinweis

Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.

Nächsten Beitrag lesen