Eine PTBS sieht von außen oft anders aus, als sie sich von innen anfühlt. Ein Notfallsanitäter, der jahrelang funktioniert und dann im Einsatz plötzlich blockiert. Eine Frau, die vor zwölf Jahren einen Übergriff erlebte, nie darüber sprach und sich seit Monaten kaum noch aus der Wohnung traut. Ein Mann, der nach einem Unfall nicht mehr Auto fährt und das für eine vernünftige Entscheidung hält. Drei sehr verschiedene Leben, dieselbe Erkrankung.
Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.
Die drei Kernsymptome
Ob nach der in Deutschland gültigen ICD-10-GM (F43.1) oder nach der neuen ICD-11 (6B40): Im Zentrum stehen drei Symptomgruppen. Die ICD-11 verlangt, dass alle drei vorliegen.
1. Wiedererleben im Hier und Jetzt. Gemeint sind nicht einfach unangenehme Erinnerungen, sondern Momente, in denen sich das Trauma anfühlt, als passiere es gerade wieder:
- Flashbacks, in denen Bilder, Geräusche, Gerüche oder Körperempfindungen des Traumas zurückkehren
- Albträume, die das Ereignis oder verwandte Themen wiederholen
- Erinnerungen, die sich ungewollt aufdrängen und mit Angst, Entsetzen oder Scham einhergehen
- starke körperliche Reaktionen wie Herzrasen oder Schwitzen, wenn etwas an das Ereignis erinnert
2. Vermeidung. Betroffene meiden:
- Gedanken, Gefühle und Gespräche, die mit dem Trauma verbunden sind
- äußere Erinnerungsreize: Orte, Menschen, Aktivitäten, Nachrichten, Filme
- oft auch innere Reize wie bestimmte Körperempfindungen, die an das Ereignis erinnern
3. Anhaltende Alarmbereitschaft. Der Organismus bleibt auf Gefahr eingestellt, obwohl objektiv keine mehr besteht:
- das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen
- übermäßige Schreckhaftigkeit
- Ein- und Durchschlafstörungen
- Reizbarkeit, Wutausbrüche, Konzentrationsprobleme
Häufig kommen emotionale Taubheit, Freudlosigkeit und das Gefühl hinzu, von anderen Menschen abgeschnitten zu sein. Das amerikanische DSM-5-TR fasst solche Veränderungen von Stimmung und Denken als eigene, vierte Symptomgruppe. Wie eine Diagnose konkret gestellt wird und wie sich die Systeme unterscheiden, beschreibt PTBS: Diagnose.
Wie eine PTBS den Alltag verändert
Die Symptomliste verfehlt oft, was das Leben mit einer PTBS ausmacht. Drei Muster beschreiben viele Betroffene.
Das Leben wird enger. Was anfangs wie eine vernünftige Anpassung wirkt, summiert sich: nicht mehr nachts allein unterwegs, nicht mehr in volle Busse, keine Filme mit Gewaltszenen. Nach einigen Jahren bleiben manchmal nur noch wenige Orte und Tätigkeiten, an denen keine Erinnerung lauert.
Ein Doppelleben. Viele erleben sich wie zwei Personen: die funktionierende Außenseite, die zur Arbeit geht und Verantwortung trägt, und die innere Seite, die nachts nicht schläft und in stillen Momenten überflutet wird. Diese Spaltung kostet viel Kraft.
Erschöpfung durch Wachsamkeit. Wer ständig nach Gefahr Ausschau hält, verbraucht Energie. Konzentrationsprobleme, Gereiztheit und frühe Erschöpfung werden dann leicht als Burnout oder Depression gedeutet, obwohl eine PTBS dahintersteht.
Wie häufig eine PTBS ist
Die S3-Leitlinie PTBS (Fassung 2026) nennt für Deutschland eine 1-Monats-Häufigkeit von 1,5 Prozent. Im Laufe des Lebens erkranken laut IQWiG etwa 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung. Potenziell traumatische Ereignisse sind dagegen sehr verbreitet: In den Bevölkerungsstudien der WHO hatten 70,4 Prozent der Befragten mindestens eines erlebt.
Das Risiko hängt stark davon ab, was passiert ist. Gewalt durch andere Menschen, besonders sexualisierte Gewalt, führt viel häufiger zu einer PTBS als Unfälle oder Naturereignisse. Wer bereits früher traumatisiert wurde, ist stärker gefährdet. Die Zusammenhänge im Detail stehen unter PTBS: Ursachen und Risikofaktoren.
Besonders häufig belastet sind Berufsgruppen mit wiederholtem Kontakt zu schweren Ereignissen, etwa im Rettungsdienst, bei Polizei und Feuerwehr, in der Notaufnahme und im Militär, sowie Menschen mit Fluchterfahrung.
Verlauf: wann die Beschwerden beginnen und wie lange sie bleiben
Beginn. Laut ICD-10-GM kann die PTBS dem Trauma mit einer Latenz von wenigen Wochen bis Monaten folgen. In den ersten Tagen steht oft eine akute Belastungsreaktion im Vordergrund. Manchmal treten die vollen Beschwerden auch erst Jahre später auf, häufig im Zusammenhang mit neuen Belastungen wie einer Trennung, einer eigenen Erkrankung oder dem Tod eines Elternteils.
Rückbildung. Ein Teil der Erkrankungen klingt in den ersten Monaten ab. Eine Übersichtsarbeit, auf die sich die WHO-Bevölkerungsstudien beziehen, kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte innerhalb von sechs Monaten zurückgeht. Die Daten der WHO-Befragungen selbst zeigen aber auch, dass die durchschnittliche Dauer der Beschwerden länger ist als lange angenommen.
Chronischer Verlauf. Bei einem Teil der Betroffenen bleibt die PTBS über viele Jahre bestehen. Dann steigt das Risiko für Begleiterkrankungen, sozialen Rückzug und Probleme im Beruf. Wer nach einigen Monaten noch deutlich belastet ist, hat von weiterem Abwarten wenig zu erwarten.
Mit Behandlung. Traumafokussierte Psychotherapie verändert den Verlauf deutlich. Laut IQWiG hat nach einer traumafokussierten Verhaltenstherapie oder EMDR etwa die Hälfte der Behandelten keine PTBS mehr, bei vielen anderen lassen die Beschwerden spürbar nach. Welche Verfahren die Leitlinie empfiehlt, steht unter PTBS: Behandlung.
Begleiterkrankungen: PTBS kommt selten allein
Laut S3-Leitlinie erfüllen etwa 80 Prozent der Menschen mit PTBS im Laufe ihres Lebens die Kriterien mindestens einer weiteren psychischen Erkrankung, zwei Drittel sogar zwei oder mehr. Häufig sind:
- Angststörungen, etwa Panikstörung oder Agoraphobie
- Depressionen, oft mit Freudlosigkeit und Rückzug
- Suchterkrankungen, besonders mit Alkohol, oft als Versuch, die Symptome zu dämpfen
- chronische Schmerzen und Schlafstörungen
- dissoziative Störungen, vor allem nach Traumatisierung in der Kindheit
Suizidgedanken sind bei einer PTBS nicht selten, darauf weist auch die ICD-10-GM ausdrücklich hin. Wenn Sie solche Gedanken haben, sprechen Sie sie bitte an, in der Behandlung oder bei der Telefonseelsorge.
Wichtig für die Behandlung: Eine Begleiterkrankung ist laut Leitlinie kein Grund, auf eine traumafokussierte Therapie zu verzichten. Das gilt laut Leitlinie auch bei Suizidalität, Selbstverletzung oder Substanzkonsum. Nur wenn aktuell schwerwiegende Störungen der Verhaltenskontrolle vorliegen, werden diese zuerst behandelt.
PTBS und komplexe PTBS
Die ICD-11 führt neben der PTBS die komplexe PTBS (6B41) als eigene Diagnose. Beide teilen die drei Kernsymptome. Bei der komplexen PTBS kommen dauerhafte Schwierigkeiten hinzu, Gefühle zu regulieren, ein tief negatives Selbstbild und Probleme in nahen Beziehungen. Sie entsteht meist nach wiederholter oder lang anhaltender Traumatisierung, oft in der Kindheit. In Deutschland ist die ICD-11 noch nicht eingeführt, die Diagnose wird aber in der Fachwelt und in der S3-Leitlinie bereits verwendet. Mehr unter Komplexe PTBS.
Wann eine Abklärung sinnvoll ist
Eine fachliche Abklärung ist sinnvoll, wenn die folgenden Punkte länger als etwa vier Wochen zutreffen:
- Es gibt ein belastendes Ereignis in Ihrer Vorgeschichte, auch wenn es lange zurückliegt
- Sie erleben es in Flashbacks, Albträumen oder sich aufdrängenden Erinnerungen wieder
- Sie meiden Erinnerungen daran oder sind dauerhaft angespannt und schreckhaft
- Arbeit, Beziehungen oder Schlaf leiden darunter
Einen ersten Anhaltspunkt gibt unser PTBS-Selbsttest. Er ersetzt keine Diagnose, die stellt eine Psychotherapeut:in oder Fachärzt:in im Gespräch.
Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen, die per Video behandeln, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei, private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs. Ob eine Therapeut:in Erfahrung mit Traumafolgestörungen und traumafokussierten Verfahren hat, können Sie im Kennenlerngespräch direkt fragen. Mehr unter Online-Psychotherapie und in der Therapeutensuche.