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Narzissmus: Diagnose

Ob hinter selbstbezogenem Verhalten eine narzisstische Persönlichkeitsstörung steht, lässt sich weder aus der Ferne noch mit einem Online-Test klären. Dieser Beitrag zeigt, nach welchen Kriterien Fachleute die Diagnose stellen, wie die Abklärung abläuft und wovon die Störung abzugrenzen ist.

Emil Herrling
Emil Herrling
  • 13. April 2025
  • Aktualisiert: 7. Oktober 2026
  • 6 min read

Medizinisch geprüft von

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Der Satz “Mein Ex ist ein Narzisst” fällt heute schnell. Eine Diagnose ist er nicht. Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sprechen Fachleute nur, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, die sich über Jahre und in vielen Lebensbereichen zeigen. Dass das sorgfältig geprüft wird, schützt beide Seiten: Menschen, die wirklich betroffen sind, bekommen eine passende Behandlung, und andere werden nicht vorschnell etikettiert.

Wann ist Narzissmus eine Persönlichkeitsstörung?

Jede Persönlichkeitsstörung muss einige allgemeine Bedingungen erfüllen:

  • Die Muster im Denken, Fühlen und Verhalten weichen deutlich von dem ab, was im eigenen kulturellen Umfeld üblich ist.
  • Sie sind tiefgreifend, zeigen sich also in vielen Situationen, nicht nur bei der Arbeit oder nur in einer Beziehung.
  • Sie sind überdauernd und haben spätestens im jungen Erwachsenenalter begonnen.
  • Sie führen zu Leiden bei der betroffenen Person oder zu deutlichen Problemen in Beruf und Beziehungen.
  • Sie lassen sich nicht besser durch eine andere Erkrankung, Substanzen oder eine Hirnschädigung erklären.

Eine Phase großer Selbstbezogenheit nach einem Karrieresprung oder in einer Krise reicht also nicht. Auch Jugendliche, bei denen Selbstüberschätzung entwicklungsbedingt häufiger ist, werden mit dieser Diagnose sehr zurückhaltend eingeordnet.

Die Kriterien im DSM-5-TR

Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5-TR beschreibt die narzisstische Persönlichkeitsstörung am genauesten. Sie gehört dort zum Cluster B, den Persönlichkeitsstörungen mit dramatischem, emotionalem oder launischem Erscheinungsbild. Mindestens fünf der folgenden neun Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Größengefühl: Die eigene Bedeutung wird überschätzt, Leistungen werden übertrieben, die Person erwartet, ohne entsprechende Leistung als überlegen anerkannt zu werden.
  2. Starke Beschäftigung mit Fantasien von grenzenlosem Erfolg, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe.
  3. Überzeugung, besonders und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen Menschen oder Institutionen verstanden zu werden.
  4. Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung.
  5. Anspruchsdenken: unbegründete Erwartung, bevorzugt behandelt zu werden.
  6. Ausnutzen anderer, um eigene Ziele zu erreichen.
  7. Mangel an Empathie: wenig Bereitschaft, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
  8. Häufiger Neid auf andere oder der Glaube, beneidet zu werden.
  9. Arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Auffällig ist, was fehlt: Die verletzliche Seite mit Scham, Unsicherheit und Kränkbarkeit taucht in den Kriterien kaum auf. Viele Fachleute halten sie aber für zentral. Die Kriterien bilden deshalb vor allem den grandiosen Narzissmus ab. Mehr dazu unter Formen von Narzissmus.

ICD-10-GM: die Grundlage in Deutschland

In Deutschland wird nach der ICD-10-GM (Version 2026) diagnostiziert und abgerechnet. Sie führt die narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht als eigene Kategorie, sondern unter F60.8 “Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen”. Voraussetzung sind die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung. Für die Beschreibung der narzisstischen Merkmale greifen Fachleute in der Praxis meist auf die DSM-Kriterien zurück.

ICD-11: Schweregrad statt Typen

Die ICD-11 ist international seit 2022 in Kraft, in Deutschland aber noch nicht eingeführt. Bei den Persönlichkeitsstörungen bringt sie einen grundlegenden Wechsel. Die einzelnen Typen wie narzisstisch, histrionisch oder zwanghaft entfallen, nur ein Borderline-Muster bleibt als Zusatz erhalten. Stattdessen wird festgestellt:

  • ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt und wie schwer sie ist: leicht, mittelgradig oder schwer
  • welche Merkmalsbereiche sie prägen: negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung und Anankasmus

Ein narzisstisches Muster entspricht in dieser Logik vor allem ausgeprägter Dissozialität, die etwa Selbstbezogenheit, Anspruchsdenken, Erwartung von Bewunderung und mangelnde Empathie umfasst, oft zusammen mit negativer Affektivität. Der Vorteil: Die Diagnose beschreibt genauer, wie stark jemand beeinträchtigt ist, statt nur ein Etikett zu vergeben.

So läuft die Abklärung ab

Eine Persönlichkeitsdiagnose wird selten in der ersten Stunde gestellt. In der gesetzlichen Krankenversicherung finden die ersten Gespräche in der psychotherapeutischen Sprechstunde und den probatorischen Sitzungen statt, privat in den ersten Terminen.

Ausführliche Gespräche. Es geht um aktuelle Beschwerden, aber auch um Lebensgeschichte, Beziehungen, Beruf und den Umgang mit Kritik und Rückschlägen. Fachleute achten darauf, wie sich Muster über verschiedene Lebensphasen wiederholen.

Strukturierte Interviews. Häufig eingesetzt wird das Strukturierte Klinische Interview für DSM-5-Persönlichkeitsstörungen (SKID-5-PD), das alle Kriterien systematisch abfragt. Eine Studie der Charité Berlin (2011) zeigte allerdings, dass das Vorgängerinterview SKID-II nicht erfasste, welche Art von Empathie eingeschränkt ist: Das Mitfühlen war beeinträchtigt, das Verstehen der Gefühle anderer nicht.

Fragebögen. Das Narcissistic Personality Inventory (NPI) misst narzisstische Persönlichkeitszüge in der Allgemeinbevölkerung, vor allem grandiose. Das Pathological Narcissism Inventory (PNI) erfasst zusätzlich verletzliche Anteile. Keiner dieser Fragebögen stellt allein eine Diagnose.

Verlauf. Weil Menschen mit narzisstischen Zügen in Krisen oft anders wirken als in stabilen Zeiten, wird ein Befund häufig erst im Verlauf mehrerer Termine sicher.

Informationen von anderen. Mit Einverständnis der Patient:in können Angehörige ergänzende Beobachtungen beisteuern.

Warum die Diagnose oft spät gestellt wird

Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung kommen selten mit dem Satz “Ich glaube, ich bin narzisstisch” in die Praxis. Häufiger ist der Anlass eine Depression nach einer Trennung oder einem beruflichen Rückschlag, ein Alkoholproblem, Angst oder ein Ultimatum aus Familie oder Job. Die narzisstischen Muster zeigen sich dann erst, wenn die therapeutische Beziehung belastbar genug ist, um über Scham, Kränkung und Neid zu sprechen.

Abgrenzung zu anderen Störungen

Borderline-Persönlichkeitsstörung. Beide teilen einen instabilen Selbstwert und schwierige Beziehungen. Bei Borderline stehen meist starke Gefühlsschwankungen, Angst vor dem Verlassenwerden, Impulsivität und oft Selbstverletzung im Vordergrund. Bei der narzisstischen Störung ist das Selbstbild eher dauerhaft überhöht und bricht unter Kränkung ein. Beides kann gemeinsam vorliegen.

Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Auch hier werden andere ausgenutzt. Im Vordergrund stehen aber Regelverstöße, Verantwortungslosigkeit und fehlende Reue, nicht das Bedürfnis nach Bewunderung.

Histrionische Persönlichkeitsstörung. Beide suchen Aufmerksamkeit. Histrionische Menschen zeigen ihre Gefühle aber eher übertrieben und suchen Nähe, narzisstische Menschen eher Bewunderung und Überlegenheit.

Manie und Hypomanie. Im Rahmen einer bipolaren Störung kann ein Größengefühl auftreten. Es ist dann aber auf Phasen begrenzt und von Antriebssteigerung, wenig Schlaf und Gedankenrasen begleitet.

Substanzen. Kokain und andere Stimulanzien können vorübergehend Größengefühl und Rücksichtslosigkeit auslösen.

Häufige Begleiterkrankungen

Laut MSD Manual und der Übersichtsarbeit von Weinberg und Ronningstam (2022) treten bei narzisstischer Persönlichkeitsstörung häufig auf:

  • Depressionen und Angststörungen
  • Alkohol- und Drogenprobleme, besonders Kokain
  • Essstörungen, etwa eine Magersucht
  • andere Persönlichkeitsstörungen, vor allem histrionisch, Borderline und paranoid

Die Übersichtsarbeit nennt außerdem ein erhöhtes Suizidrisiko. Begleiterkrankungen werden oft zuerst behandelt und sind ein wichtiger Zugang zur Therapie.

Was Sie jetzt tun können

Unser Narzissmus-Test beruht auf einer Kurzform des NPI und zeigt, wie stark narzisstische Persönlichkeitszüge ausgeprägt sind. Eine Diagnose ist er nicht. Wenn Sie unter Kränkbarkeit, Leere, Beziehungskonflikten oder gedrückter Stimmung leiden, ist ein Gespräch mit einer Fachperson der nächste Schritt.

Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen, mit denen Sie eine solche Abklärung per Video beginnen können, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Das Kennenlerngespräch ist kostenfrei, private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs. Wie es nach der Diagnose weitergeht, beschreibt Narzissmus: Behandlung.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Wie wird eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert? +

Eine Psychotherapeut:in oder Fachärzt:in führt mehrere ausführliche Gespräche, oft ergänzt durch ein strukturiertes Interview wie das SKID-5-PD und Fragebögen. Geprüft wird, ob die Muster seit dem jungen Erwachsenenalter bestehen, in vielen Lebensbereichen auftreten und zu Leiden oder Beeinträchtigung führen. Ein Online-Test reicht dafür nicht.

Welche Kriterien gelten für die Diagnose? +

Das DSM-5-TR nennt neun Kriterien, von denen mindestens fünf erfüllt sein müssen, darunter Größengefühl, Bedürfnis nach Bewunderung, Anspruchsdenken, Ausnutzen anderer und Mangel an Empathie. In Deutschland wird nach ICD-10-GM unter F60.8 kodiert, die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung müssen erfüllt sein.

Was ändert sich mit der ICD-11? +

Die ICD-11 kennt keine eigene narzisstische Persönlichkeitsstörung mehr. Sie stellt fest, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt und wie schwer sie ist, und beschreibt sie über Merkmalsbereiche wie Dissozialität und negative Affektivität. In Deutschland ist die ICD-11 noch nicht eingeführt, diagnostiziert wird weiter nach ICD-10-GM.

Kann man jemand anderen als Narzisst:in diagnostizieren? +

Nein. Eine Diagnose setzt ein persönliches, ausführliches Gespräch mit der betroffenen Person voraus. Beschreibungen von Partner:innen oder Kolleg:innen können Hinweise geben, ersetzen die Untersuchung aber nicht. Für Angehörige ist oft hilfreicher, sich auf die eigene Situation und eigene Grenzen zu konzentrieren.

Welche Begleiterkrankungen treten häufig auf? +

Häufig sind Depressionen, Angststörungen, Alkohol- und Drogenprobleme sowie andere Persönlichkeitsstörungen. Diese Begleiterkrankungen sind oft der eigentliche Anlass, Hilfe zu suchen, und werden zuerst erkannt.

Wichtiger Hinweis

Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.

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