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Narzissmus: Behandelbar? Therapieansätze und Chancen

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gilt als schwer zu behandeln, aber nicht als unbehandelbar. Studien zeigen, dass sich Betroffene langsam und schrittweise verändern können. Dieser Beitrag beschreibt, welche Therapien eingesetzt werden, was eine gute Behandlung ausmacht, welche Ziele realistisch sind und wie die Kosten geregelt sind.

Emil Herrling
Emil Herrling
  • 13. April 2025
  • Aktualisiert: 8. Oktober 2026
  • 5 min read

Medizinisch geprüft von

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

“Narzissten ändern sich nie”: Dieser Satz steht in vielen Foren und Ratgebern. Er ist nachvollziehbar, wenn man unter einem narzisstischen Menschen gelitten hat, aber er stimmt so nicht. Die Forschung zeigt ein differenzierteres Bild. Veränderung ist möglich, sie geschieht aber langsam, braucht eine belastbare therapeutische Beziehung und setzt voraus, dass die betroffene Person selbst etwas verändern will.

Ist Narzissmus behandelbar?

Ja, mit Einschränkungen. Eine Übersichtsarbeit von Igor Weinberg und Elsa Ronningstam (2022) fasst zusammen, dass sich Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung in Langzeitstudien langsam und schrittweise bessern. Rasche Durchbrüche sind nicht dokumentiert. Die Autor:innen halten auch fest, dass bisher keine Psychotherapie und kein Medikament in randomisierten kontrollierten Studien speziell für diese Störung geprüft wurde. Die eingesetzten Verfahren stützen sich auf klinische Erfahrung, Verlaufsstudien und Forschung zu verwandten Persönlichkeitsstörungen.

Viele Betroffene kommen nicht wegen ihres Narzissmus in Behandlung. Häufiger sind es ein Ultimatum aus Familie oder Beruf, eine Lebenskrise, Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben oder eine Begleiterkrankung wie Depression. Auch Suizidalität nennt die Übersichtsarbeit als möglichen Anlass. In der Therapie geht es dann zunächst darum, aus dem akuten Leidensdruck eine Bereitschaft für längerfristige Arbeit zu machen. Wie die Diagnose gestellt wird, beschreibt Narzissmus: Diagnose.

Warum die Therapie herausfordernd ist

Die Muster, um die es in der Therapie geht, zeigen sich auch in der Therapie selbst:

  • Ursachen werden außen gesucht. Probleme scheinen an Partner:innen, Chef:innen oder den Umständen zu liegen. Der eigene Anteil wird erst nach und nach sichtbar.
  • Kränkbarkeit. Schon eine vorsichtige Rückmeldung kann als Angriff erlebt werden und zu Rückzug, Abwertung oder Abbruch führen.
  • Idealisierung und Abwertung. Die Therapeut:in wird anfangs bewundert und später entwertet, wenn sie nicht bestätigt.
  • Scham. Über Unsicherheit, Neid oder Leere zu sprechen, kostet viel Überwindung.

Erfahrene Therapeut:innen rechnen damit. Sie benennen diese Muster behutsam, ohne zu beschämen, und nutzen sie als Material, um zu verstehen, was in anderen Beziehungen passiert.

Was die Behandlungsansätze gemeinsam haben

Weinberg und Ronningstam beschreiben Gemeinsamkeiten, die die meisten Ansätze teilen:

  • Klare, realistische Ziele, auf die man sich zu Beginn einigt und auf die man in Krisen zurückkommt
  • Ein verlässlicher Rahmen mit festen Terminen und Absprachen, etwa wie mit Absagen oder Konflikten umgegangen wird
  • Arbeit an Beziehungen und Selbstwert, also daran, wie Kränkungen entstehen und wie mit ihnen umgegangen wird
  • Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, die Spannungen aushält
  • Achtsamkeit der Therapeut:in für eigene Reaktionen, denn Ärger, Langeweile oder das Gefühl, nicht zu genügen, sagen oft etwas über die Beziehungsmuster der Patient:in

Therapieansätze im Überblick

Psychodynamische Psychotherapie. Das MSD Manual nennt sie als zentralen Ansatz. Sie fragt, wie frühe Beziehungserfahrungen das heutige Selbstbild prägen und wie sich das in aktuellen Beziehungen wiederholt. In Deutschland ist sie als tiefenpsychologisch fundierte oder analytische Psychotherapie Kassenleistung.

Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP). Von Otto Kernberg ursprünglich für die Borderline-Störung entwickelt und für narzisstische Patient:innen angepasst. Sie nutzt die Beziehung zur Therapeut:in gezielt, um widersprüchliche Selbstbilder, etwa großartig und wertlos, sichtbar zu machen und zu einem stabileren Selbsterleben zusammenzuführen.

Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Von Anthony Bateman und Peter Fonagy entwickelt. Sie stärkt die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle, Gedanken und Absichten zu erkennen und zu verstehen, gerade in Momenten starker Gefühle.

Schematherapie. Von Jeffrey Young entwickelt, verbindet Verhaltenstherapie mit erlebnisorientierten und psychodynamischen Elementen. Sie arbeitet mit sogenannten Modi, etwa einem selbstüberhöhenden Modus, der einen verletzten, beschämten kindlichen Anteil schützt. Ziel ist, den gesunden Erwachsenen-Anteil zu stärken. In Deutschland wird sie meist im Rahmen einer Verhaltenstherapie angeboten.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie bearbeitet Grundüberzeugungen wie “Ich bin nur etwas wert, wenn ich bewundert werde” und übt einen anderen Umgang mit Kritik, Neid und Frustration. Mehr unter Verhaltenstherapie.

Paar- und Gruppentherapie. Eine Paartherapie kann helfen, festgefahrene Muster zu verändern, wenn beide das wollen. Für tiefere Veränderung braucht es meist zusätzlich Einzeltherapie. Gruppen bieten die Chance, Rückmeldungen von mehreren Menschen zu bekommen, sind für sehr kränkbare Menschen anfangs aber oft schwer auszuhalten.

Grandios oder verletzlich: Was das für die Therapie bedeutet

Menschen mit eher verletzlichem Narzissmus kommen häufiger aus eigenem Antrieb, oft wegen Depression, Angst oder Einsamkeit, und können ihren Leidensdruck leichter benennen. Bei stark grandiosen Zügen steht anfangs oft eine Krise von außen im Vordergrund, und die Bereitschaft, das eigene Selbstbild infrage zu stellen, wächst langsamer. Weil beide Seiten häufig in derselben Person vorkommen, verändert sich der Schwerpunkt im Verlauf einer Therapie oft. Mehr dazu unter Formen von Narzissmus.

Medikamente

Für die narzisstische Persönlichkeitsstörung selbst gibt es kein zugelassenes Medikament. Begleitende Depressionen, Angststörungen oder Schlafprobleme können ärztlich auch medikamentös behandelt werden. Bei Alkohol- oder Drogenproblemen gehört deren Behandlung mit in den Plan.

Ist Narzissmus heilbar?

Eine Persönlichkeit wird nicht ausgetauscht. Realistische Ziele sind:

  • ein Selbstwert, der weniger von Bewunderung abhängt und Rückschläge besser verkraftet
  • weniger heftige Reaktionen auf Kritik und Zurückweisung
  • mehr Mitgefühl und mehr Gegenseitigkeit in Beziehungen
  • weniger Abwertung und Ausnutzen anderer
  • weniger Leere, Scham und depressive Krisen

Es geht also nicht darum, ein anderer Mensch zu werden, sondern sich selbst besser auszuhalten und andere näher an sich heranzulassen.

Dauer und Kosten

Persönlichkeitsstörungen gehören laut Psychotherapie-Richtlinie zu den Erkrankungen, bei denen gesetzliche Krankenkassen Psychotherapie übernehmen. Möglich sind alle Richtlinienverfahren. Weil Veränderung Zeit braucht, ist häufig eine Langzeittherapie sinnvoll, für Erwachsene bis zu 80 Stunden in der Verhaltenstherapie, bis zu 100 Stunden in der tiefenpsychologisch fundierten und bis zu 300 Stunden in der analytischen Psychotherapie. Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang des jeweiligen Tarifs.

Wenn Sie Angehörige sind

Sie können niemanden in eine Therapie zwingen, und Ihre eigene Belastung zählt unabhängig davon, ob die andere Person Hilfe annimmt. Eine eigene Psychotherapie oder Beratung kann helfen, Grenzen zu setzen, die eigene Wahrnehmung zu sortieren und Entscheidungen zu treffen. Bei Drohungen oder Gewalt erreichen Sie das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen rund um die Uhr unter 116 016.

Psychotherapie per Video bei Therapy Lift

Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen für eine Psychotherapie per Video, oft mit Terminen innerhalb weniger Tage. Gerade bei narzisstischen Themen ist die Passung zwischen Patient:in und Therapeut:in entscheidend. Das kostenfreie Kennenlerngespräch gibt Raum, das zu prüfen. Selbstzahlende zahlen 120,00 bis 167,58 € je 50-Minuten-Sitzung, private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs. Mehr unter Selbstzahler und Privatversicherte.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung behandelbar? +

Ja. Langzeitstudien zeigen, dass sich Betroffene langsam und schrittweise bessern können. Eingesetzt werden vor allem psychodynamische Verfahren, die übertragungsfokussierte und die mentalisierungsbasierte Therapie, Schematherapie und kognitive Verhaltenstherapie. Speziell für diese Störung geprüfte randomisierte Studien gibt es bisher nicht.

Warum ist die Therapie oft herausfordernd? +

Viele Betroffene sehen die Ursache ihrer Probleme zunächst bei anderen und kommen erst in Krisen. In der Therapie können Kränkbarkeit, Misstrauen oder ein Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung der Therapeut:in auftreten. Eine klare Vereinbarung über Ziele und Rahmen hilft, diese Phasen durchzustehen.

Welche Therapie hilft bei Narzissmus am besten? +

Eine klar überlegene Methode ist nicht belegt. Die eingesetzten Ansätze teilen gemeinsame Prinzipien: realistische Ziele, ein verlässlicher Rahmen, Arbeit an Beziehungen und Selbstwert und eine tragfähige therapeutische Beziehung. Wichtig ist auch, dass die Chemie mit der Therapeut:in stimmt.

Gibt es Medikamente gegen Narzissmus? +

Nein. Für die narzisstische Persönlichkeitsstörung selbst ist kein Medikament zugelassen. Begleitende Erkrankungen wie Depression oder Angst können aber ärztlich auch medikamentös behandelt werden.

Zahlt die Krankenkasse eine Therapie bei Narzissmus? +

Ja. Persönlichkeitsstörungen gehören zu den Erkrankungen, für die gesetzliche Krankenkassen Psychotherapie in den Richtlinienverfahren übernehmen, auch als Langzeittherapie. Private Krankenversicherungen zahlen im Umfang des jeweiligen Tarifs.

Wichtiger Hinweis

Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.