Wer an Narzissmus denkt, hat meist ein bestimmtes Bild vor Augen: laut, selbstverliebt, im Mittelpunkt. Dieses Bild trifft nur einen Teil. Fachleute beschreiben Narzissmus heute als ein Muster, das sich sehr unterschiedlich zeigen kann. Gemeinsam ist allen Formen ein Selbstwert, der stark von Bestätigung, Überlegenheit oder dem Gefühl abhängt, etwas Besonderes zu sein. Unterschiedlich ist, wie dieses Bedürfnis nach außen tritt.
Die Formen in diesem Beitrag sind Beschreibungen aus Forschung und Praxis, keine eigenständigen Diagnosen. Wann aus narzisstischen Zügen eine Persönlichkeitsstörung wird, erklärt Narzissmus: Diagnose.
Gesunder Narzissmus
Ein gewisses Maß an Selbstbezogenheit gehört zu einem stabilen Selbstwert: sich etwas zutrauen, Anerkennung genießen, für eigene Interessen eintreten. Grandiose Züge gehen in Studien eher mit weniger Angst und Niedergeschlagenheit einher und können im Beruf mit Durchsetzungsfähigkeit und Entscheidungsfreude verbunden sein.
Der Preis zeigt sich oft später und in nahen Beziehungen. Wer Selbstvertrauen vor allem aus dem Vergleich mit anderen zieht, braucht ständig neue Bestätigung. Rückschläge, Kritik oder das Älterwerden treffen dann härter.
Grandioser Narzissmus
Der grandiose, auch offene Narzissmus entspricht am ehesten dem Alltagsbild:
- selbstsicheres, oft charmantes und dominantes Auftreten
- Überzeugung, besonders begabt oder wichtig zu sein
- Wunsch nach Bewunderung und Status
- wenig Selbstkritik, Fehler werden eher anderen zugeschrieben
- Ungeduld und Abwertung, wenn andere nicht mitziehen
Nach außen wirkt das stabil. Die Übersichtsarbeit von Weinberg und Ronningstam (2022) beschreibt aber, dass grandiose Narzisst:innen besonders mit Ärger reagieren, wenn ein Misserfolg droht. Hinter der Sicherheit steht ein Selbstbild, das Niederlagen schlecht verkraftet.
Verletzlicher (verdeckter) Narzissmus
Der verletzliche oder vulnerable Narzissmus wird auch verdeckter Narzissmus genannt, weil er leicht übersehen wird:
- Unsicherheit, Scham und Selbstzweifel
- große Empfindlichkeit gegenüber Kritik und Zurückweisung
- Rückzug, Schmollen oder stiller Groll nach Kränkungen
- Neid und das Gefühl, verkannt oder benachteiligt zu sein
- heimliche Fantasien von Größe, die nicht nach außen getragen werden
Laut derselben Übersichtsarbeit reagieren vulnerable Narzisst:innen vor allem auf drohende Ablehnung mit Ärger. Diese Form geht häufiger mit Depression und Angst einher. Weil Betroffene eher bescheiden oder ängstlich wirken, wird das narzisstische Muster oft erst in einer längeren Therapie sichtbar.
Zwei Seiten derselben Person
Grandios und verletzlich schließen sich nicht aus. Weinberg und Ronningstam fassen zusammen, dass Menschen mit stark grandiosen Zügen häufig auch verletzliche Zustände erleben, etwa nach einer Trennung, einem Jobverlust oder einer öffentlichen Kritik. Manche pendeln innerhalb weniger Tage, manchmal innerhalb eines Gesprächs, zwischen Überlegenheit und tiefem Selbstzweifel. Für Angehörige ist das oft besonders verwirrend.
Wie sich die Formen im Alltag zeigen
Die Unterschiede werden besonders in drei Situationen sichtbar:
Bei Kritik. Grandiose Menschen gehen eher zum Gegenangriff über, werten die kritisierende Person ab oder erklären die Kritik für unsinnig. Vulnerable Menschen ziehen sich zurück, grübeln tagelang und fühlen sich zutiefst gedemütigt, oft ohne es zu zeigen.
In der Partnerschaft. Grandiose Züge zeigen sich häufig in einer Phase intensiver Werbung und Idealisierung, auf die Desinteresse oder Abwertung folgen, wenn die Partner:in nicht mehr bewundert. Vulnerable Züge zeigen sich eher in Eifersucht, ständigem Bedürfnis nach Rückversicherung und dem Gefühl, nie genug gesehen zu werden.
Im Beruf. Grandiose Menschen drängen in sichtbare Rollen, verkaufen sich gut und tun sich schwer mit Teamarbeit, in der sie nicht glänzen. Vulnerable Menschen fühlen sich häufig unterschätzt, vermeiden Situationen, in denen sie scheitern könnten, und reagieren gekränkt, wenn andere befördert werden.
Keines dieser Beispiele ist für sich genommen ein Beleg für Narzissmus. Viele Menschen reagieren gelegentlich so. Aussagekräftig ist das wiederkehrende Muster über Jahre und in unterschiedlichen Beziehungen.
Maligner Narzissmus
Der Psychoanalytiker Otto Kernberg beschrieb den malignen Narzissmus als besonders schwere Form: narzisstische Persönlichkeit kombiniert mit antisozialen Zügen, Aggression bis hin zu Grausamkeit und misstrauisch-paranoiden Tendenzen. In den Klassifikationssystemen gibt es den Begriff nicht. In der Praxis beschreibt er Menschen, bei denen die Abgrenzung zur antisozialen Persönlichkeitsstörung schwierig ist und Behandlung besonders herausfordernd.
Kommunaler Narzissmus
Eine neuere Forschungsrichtung um den Psychologen Jochen Gebauer (2012) beschreibt Menschen, die dieselben Bedürfnisse nach Größe und Anerkennung haben, sie aber über Hilfsbereitschaft und Moral befriedigen. Ihr Selbstbild lautet etwa “Ich bin der hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne”. Andere erleben sie oft weniger hilfsbereit, als sie sich selbst sehen. Mit klassischen Narzissmus-Fragebögen wird diese Form kaum erfasst.
Kognitive und emotionale Empathie
Ein Kernmerkmal der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist eingeschränkte Empathie. Genauer betrachtet geht es um zwei verschiedene Fähigkeiten:
- Kognitive Empathie: verstehen, was andere denken und fühlen
- Emotionale Empathie: mitfühlen, sich von den Gefühlen anderer berühren lassen
Eine Studie der Charité Berlin (Ritter und Kolleg:innen, 2011) mit 47 Patient:innen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung fand Einschränkungen beim Mitfühlen, nicht aber beim Verstehen. Das erklärt eine Erfahrung, die viele Angehörige beschreiben: Die Person erkennt genau, was in anderen vorgeht, und kann sehr charmant sein, wirkt in nahen Beziehungen aber kühl und wenig berührt. Dieses Wissen kann sie im ungünstigen Fall auch nutzen, um andere zu beeinflussen.
Was die Form für die Behandlung bedeutet
Die Form beeinflusst, wann und warum Menschen Hilfe suchen. Vulnerable Narzisst:innen kommen häufiger von sich aus, oft wegen Depression, Angst oder Einsamkeit. Grandiose Narzisst:innen kommen eher auf Druck von außen, nach Krisen im Beruf oder in der Partnerschaft. Für beide gilt: Veränderung ist möglich, braucht aber Zeit und eine tragfähige therapeutische Beziehung. Mehr dazu unter Narzissmus: Behandlung. Einen Überblick über Begriff, Häufigkeit und Entstehung gibt Narzissmus.
Was Sie jetzt tun können
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Häufige Fragen
Welche Formen von Narzissmus gibt es? +
Die Forschung unterscheidet vor allem grandiosen und verletzlichen (vulnerablen) Narzissmus. Daneben werden der maligne Narzissmus mit zusätzlicher Aggression und antisozialen Zügen und der kommunale Narzissmus beschrieben, bei dem sich das Überlegenheitsgefühl auf Hilfsbereitschaft richtet. Offizielle Diagnosen sind diese Formen nicht.
Was ist der Unterschied zwischen grandiosem und vulnerablem Narzissmus? +
Grandiose Narzisst:innen wirken selbstsicher, dominant und wenig selbstkritisch. Vulnerable Narzisst:innen sind eher unsicher, scheu und stark kränkbar und hegen das stille Gefühl, mehr Anerkennung zu verdienen. Beide teilen Anspruchsdenken und einen brüchigen Selbstwert, und viele Menschen zeigen je nach Lage beide Seiten.
Was ist verdeckter Narzissmus? +
So wird meist der vulnerable Narzissmus bezeichnet. Das Bedürfnis nach Bewunderung zeigt sich nicht offen, sondern in Kränkbarkeit, Neid, Rückzug und dem Gefühl, verkannt zu werden. Weil Betroffene eher bescheiden oder ängstlich wirken, wird diese Form leicht übersehen.
Kann Narzissmus auch positive Seiten haben? +
In Maßen können narzisstische Anteile Selbstvertrauen, Durchsetzungsfähigkeit und Ehrgeiz stärken. Grandiose Züge gehen in Studien eher mit weniger Angst und Niedergeschlagenheit einher. Problematisch wird es, wenn Empathie fehlt, andere ausgenutzt werden oder der Selbstwert an ständiger Bestätigung hängt.
Haben Narzisst:innen keine Empathie? +
Nicht unbedingt. Eine Berliner Studie mit Patient:innen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung fand, dass das Mitfühlen beeinträchtigt war, das Verstehen der Gefühle anderer aber nicht. Viele erkennen also, was andere empfinden, lassen sich davon aber wenig berühren.
Quellen:
Wichtiger Hinweis
Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung.
Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine approbierte
Psychotherapeut:in oder Ärzt:in.