Arbeit & Psyche

Effektiv im Job: Wie Sie mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz punkten

Psychische Gesundheit entscheidet mit darüber, wie gut wir arbeiten, und psychische Belastungen sind längst einer der häufigsten Gründe für Fehlzeiten. Hier lesen Sie, wie Sie früh gegensteuern, was Sie dem Arbeitgeber sagen müssen und was nicht, wie sich Psychotherapie und Beruf vereinbaren lassen und wie die Rückkehr nach einer Krankschreibung gelingt.

Aktualisiert: 6 min read
Emil Herrling

Geschrieben von

Emil Herrling

Medizinisch geprüft

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Abstraktes Gemälde eines roten Holztischs vor einem verwischten Hintergrund in Grün, Gelb und Rot.

Psychische Gesundheit und Arbeit hängen eng zusammen. Arbeit kann Halt geben: Struktur, Kontakte, das Gefühl, gebraucht zu werden. Sie kann aber auch der Ort sein, an dem Belastungen sich so lange stapeln, bis nichts mehr geht. Dieser Ratgeber richtet sich an Berufstätige, die merken, dass es ihnen psychisch nicht gut geht, oder die bereits eine Diagnose haben und wissen wollen, wie sie damit im Job umgehen.

Warum psychische Gesundheit im Job so viel ausmacht

Die Zahlen sind eindeutig. Laut DAK-Psychreport 2026 hatten 2025 sieben Prozent der erwerbstätigen DAK-Versicherten mindestens eine Krankschreibung wegen einer psychischen Erkrankung. Psychische Erkrankungen verursachten 18,7 Prozent aller Fehltage, ein Fall dauerte im Schnitt 34,2 Tage. Depressionen allein führten zu rund 202 Fehltagen je 100 Versicherte. Laut Bundespsychotherapeutenkammer gehen über 40 Prozent der Erwerbsminderungsrenten auf psychische Erkrankungen zurück (2026). Weltweit gehen laut WHO jedes Jahr rund 12 Milliarden Arbeitstage durch Depressionen und Angststörungen verloren.

Viele Betroffene haben lange durchgehalten, bevor sie ausgefallen sind. Viele arbeiten weiter, obwohl Konzentration, Schlaf und Stimmung längst leiden. Das kostet Kraft und verlängert häufig den Weg zurück.

Früh gegensteuern: was Sie selbst in der Hand haben

Psychische Belastungen zeigen sich im Job oft zuerst an der Leistung: Aufgaben dauern länger, Fehler häufen sich, Entscheidungen fallen schwer, kleine Konflikte wirken plötzlich groß. Wer solche Veränderungen an sich bemerkt, kann früh gegensteuern:

  • Belastung benennen. Was genau ist zu viel: die Menge, das Tempo, ein Konflikt, die ständige Erreichbarkeit?
  • Prioritäten klären. Ein Gespräch mit der Führungskraft über das, was jetzt wirklich wichtig ist, entlastet oft mehr als jede Entspannungsübung.
  • Grenzen setzen. Feste Feierabendzeiten, Benachrichtigungen aus, Urlaub ohne Laptop.
  • Erholung ernst nehmen. Schlaf, Bewegung und Kontakte außerhalb der Arbeit sind keine Nebensache.

Konkrete Techniken finden Sie im Ratgeber Strategien zur Stressbewältigung. Welche Arbeitsbedingungen besonders belasten und was der Arbeitgeber tun muss, beschreibt der Beitrag Stress am Arbeitsplatz.

Wenn Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Ängste über Wochen anhalten, reicht Selbsthilfe meist nicht mehr. Eine erste Orientierung geben unser Burnout-Test und der Depressionstest.

Muss der Arbeitgeber von Ihrer Erkrankung erfahren?

Das ist eine der häufigsten Sorgen, und sie hält viele davon ab, sich krankschreiben zu lassen oder Hilfe zu suchen.

Die Diagnose bleibt bei Ihnen. Sie müssen Ihrem Arbeitgeber eine Arbeitsunfähigkeit unverzüglich melden, in der Regel aber keine Diagnose nennen. Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die der Arbeitgeber bei der Krankenkasse abruft, enthält Beginn und voraussichtliche Dauer, aber keine Diagnose. Auch eine Psychotherapie taucht in keinen Unterlagen auf, die der Arbeitgeber erhält.

Offenheit ist eine Abwägung. Manche Menschen erleben es als Entlastung, ihre Führungskraft einzuweihen, weil dann über Arbeitsmenge oder flexible Zeiten gesprochen werden kann. Andere haben gute Gründe, das nicht zu tun. Beides ist legitim. Hilfreich ist ein Mittelweg: zu sagen, dass es gesundheitliche Gründe gibt und was Sie gerade brauchen, ohne Details zu nennen.

Betriebsärzt:innen unterliegen der Schweigepflicht. Sie dürfen dem Arbeitgeber ohne Ihre Einwilligung keine Diagnosen weitergeben und können eine gute Ansprechperson sein, wenn es um Anpassungen am Arbeitsplatz geht.

Psychotherapie und Beruf vereinbaren

Eine ambulante Psychotherapie findet in aller Regel neben dem Beruf statt, meist einmal pro Woche für 50 Minuten. Für gesetzlich Versicherte führt der Weg über die psychotherapeutische Sprechstunde, die Sie ohne Überweisung vereinbaren können, auch über die Terminservicestelle 116 117. Danach folgen probatorische Sitzungen und gegebenenfalls eine Kurzzeit- oder Langzeittherapie. Wer privat versichert ist, findet Informationen unter Privatversicherte. Wie die Wartezeit auf einen Therapieplatz aussieht und wie Sie sie verkürzen, beschreibt der Ratgeber Wartezeiten in der Psychotherapie.

Die größte praktische Hürde ist oft der Termin. Wer Anfahrt und Wartezimmer einrechnet, braucht für eine Sitzung schnell zwei Stunden. Online-Psychotherapie per Video verkürzt das auf die Sitzung selbst, ein ruhiger Raum genügt. Bei Therapy Lift arbeiten approbierte Psychotherapeut:innen ausschließlich per Video, Ende-zu-Ende-verschlüsselt und mit Servern in Deutschland. Ein Termin ist oft innerhalb weniger Tage möglich, das Kennenlerngespräch ist kostenfrei. Mehr unter Online-Psychotherapie.

Nach längerer Krankheit: die Rückkehr planen

Der Wiedereinstieg nach einer psychischen Erkrankung ist ein eigener Schritt und sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Zwei gesetzlich geregelte Instrumente helfen dabei.

Stufenweise Wiedereingliederung

Bei der stufenweisen Wiedereingliederung, oft „Hamburger Modell” genannt, beginnen Sie mit wenigen Stunden am Tag und steigern die Arbeitszeit über einige Wochen. Sie gelten in dieser Zeit weiter als arbeitsunfähig. Die behandelnde Ärzt:in legt Art und Umfang auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung fest (§ 74 SGB V), der Arbeitgeber muss zustimmen.

Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)

Wer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig war, dem muss der Arbeitgeber ein BEM anbieten (§ 167 Abs. 2 SGB IX). Im BEM wird gemeinsam geklärt, wie die Arbeitsunfähigkeit überwunden und einer erneuten vorgebeugt werden kann, etwa durch veränderte Aufgaben, Arbeitszeiten oder Abläufe. Die Teilnahme ist freiwillig und setzt Ihre Zustimmung voraus. Sie können eine Vertrauensperson hinzuziehen, zum Beispiel aus dem Betriebsrat.

Für Menschen nach einem Burnout ist dieser Schritt besonders wichtig, weil die Rückkehr in unveränderte Bedingungen das Rückfallrisiko erhöht. Mehr dazu unter Burnout behandeln.

Wenn es einer Kolleg:in nicht gut geht

Oft bemerken Kolleg:innen Veränderungen früher als die betroffene Person selbst. Wer sich Sorgen macht, kann viel bewirken, ohne Therapeut:in spielen zu müssen:

  • das Gespräch unter vier Augen suchen, nicht zwischen Tür und Angel
  • konkrete Beobachtungen schildern, statt Deutungen oder Diagnosen anzubieten
  • zuhören und Hilfe anbieten, ohne zu drängen
  • auf Unterstützung im Betrieb hinweisen, etwa die Betriebsärzt:in

Führungskräfte haben dabei eine besondere Rolle. Die WHO empfiehlt Arbeitgebern ausdrücklich, Führungskräfte darin zu schulen, psychische Belastung zu erkennen und anzusprechen.

Was Sie jetzt tun können

  1. Ehrlich prüfen, seit wann es Ihnen schlechter geht und woran Sie das merken.
  2. Eine Belastung auswählen, die sich ändern lässt, und das Gespräch dazu planen.
  3. Bei anhaltenden Beschwerden einen Termin bei der Hausärzt:in oder in einer psychotherapeutischen Sprechstunde vereinbaren.
  4. Vorher überlegen, was Sie dem Arbeitgeber sagen möchten und was nicht.
  5. Nach längerer Krankschreibung den Wiedereinstieg mit Ihrer Ärzt:in und dem Arbeitgeber planen.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, rund um die Uhr) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Häufige Fragen

Muss ich meinem Arbeitgeber sagen, dass ich psychisch krank bin?

In der Regel nein. Sie müssen eine Arbeitsunfähigkeit melden, aber keine Diagnose nennen. Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die der Arbeitgeber bei der Krankenkasse abruft, enthält keine Diagnose. Ob Sie offen sprechen, entscheiden Sie selbst.

Kann ich eine Psychotherapie neben dem Job machen?

Ja, die meisten ambulanten Psychotherapien finden neben dem Beruf statt, meist einmal pro Woche für 50 Minuten. Viele Praxen bieten Termine am frühen Morgen oder späten Nachmittag an. Online-Psychotherapie per Video spart zusätzlich die Wege.

Was ist ein betriebliches Eingliederungsmanagement?

Wer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig war, dem muss der Arbeitgeber ein betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anbieten. Darin wird gemeinsam geklärt, wie die Arbeitsunfähigkeit überwunden und einer erneuten vorgebeugt werden kann. Die Teilnahme ist freiwillig.

Was ist eine stufenweise Wiedereingliederung?

Bei der stufenweisen Wiedereingliederung, oft Hamburger Modell genannt, steigen Sie nach längerer Krankheit mit wenigen Stunden pro Tag wieder ein und erhöhen die Arbeitszeit schrittweise. Sie gelten in dieser Zeit weiter als arbeitsunfähig. Die behandelnde Ärzt:in legt Art und Umfang fest, der Arbeitgeber muss zustimmen.

Wie spreche ich eine Kolleg:in an, um die ich mir Sorgen mache?

Am besten unter vier Augen, in ruhigem Rahmen und mit konkreten Beobachtungen statt Deutungen, etwa „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit sehr erschöpft wirkst”. Bieten Sie Gesprächsbereitschaft an, ohne zu drängen, und stellen Sie keine Diagnosen. Bei Hinweisen auf eine akute Krise gehört die Sicherheit vor die Diskretion.

Quellen

  • Arbeit
  • Job
  • Online-psychotherapie
  • Psychische-gesundheit
  • Psychotherapie
  • Stress

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