Mentale Gesundheit

Psychotherapie und psychologische Beratung: Was sind die Unterschiede?

Psychotherapie behandelt psychische Erkrankungen, psychologische Beratung hilft bei Lebensfragen und Krisen ohne Krankheitswert. Was beide unterscheidet, wer was anbieten darf, wer die Kosten trägt und wie Sie herausfinden, was in Ihrer Situation passt.

Aktualisiert: 7 min read
Emil Herrling

Geschrieben von

Emil Herrling

Medizinisch geprüft

Dipl. Psych. Jan-Matthis Wasserfuhr

Gemälde von rosa Seerosen zwischen grünen Seerosenblättern auf blauem Wasser.

„Brauche ich eine Therapie oder reicht ein Gespräch mit jemandem, der sich auskennt?“ Diese Frage stellen sich viele, wenn es ihnen nicht gut geht. Die Antwort hängt davon ab, ob eine psychische Erkrankung vorliegt oder eine Lebensfrage, die Sie gerade überfordert. Davon hängt auch ab, wer helfen darf und wer die Kosten trägt.

Dieser Ratgeber erklärt die Unterschiede zwischen Psychotherapie und psychologischer Beratung, ordnet Coaching und Heilpraktiker:innen ein und zeigt, wo es kostenfreie Beratung gibt.

Der Unterschied auf einen Blick

PsychotherapiePsychologische Beratung
Anlasspsychische Erkrankung, z. B. Depression, Angststörung, EssstörungLebensfragen, Konflikte, Krisen ohne Krankheitswert
ZielBehandlung und Linderung der ErkrankungOrientierung, Entscheidungen, Bewältigung
Wer darf das?approbierte Psychotherapeut:innen, ärztliche Psychotherapeut:innenBezeichnung nicht geschützt, z. B. Psycholog:innen, Sozialpädagog:innen, Berater:innen
Diagnoseja, nach ICD-10-GMnein
KostenKassenleistung bei Erkrankung, PKV im Umfang des Tarifsselbst bezahlt oder kostenfreie Beratungsstelle
Dauervon wenigen bis zu vielen Sitzungen, strukturiertoft wenige Termine

Was ist Psychotherapie?

Psychotherapie ist die Behandlung psychischer Erkrankungen mit wissenschaftlich anerkannten Verfahren. Rechtlich gehört sie zur Heilkunde. Die Psychotherapie-Richtlinie nennt als Anlässe unter anderem depressive Erkrankungen, Angst- und Zwangsstörungen, Belastungs- und Anpassungsstörungen, Essstörungen, Schlafstörungen und Persönlichkeitsstörungen.

Die Berufsbezeichnung „Psychotherapeutin“ oder „Psychotherapeut“ ist gesetzlich geschützt (§ 1 Psychotherapeutengesetz). Führen dürfen sie nur Menschen mit Approbation und Ärzt:innen mit dem Zusatz „ärztliche“. Wer eine Kassenzulassung hat, arbeitet in einem der vier Richtlinienverfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte, analytische oder Systemische Therapie. Welche Unterschiede es dabei gibt, erklärt der Ratgeber Welche Therapieform passt zu mir?

Eine Psychotherapie beginnt mit einer Diagnostik. In der Kassenversorgung steht am Anfang in der Regel die psychotherapeutische Sprechstunde. Eine Überweisung brauchen Sie dafür nicht, und Psychotherapie muss auch nicht ärztlich verordnet werden. Termine vermittelt die Terminservicestelle unter 116 117.

Was ist psychologische Beratung?

Psychologische Beratung unterstützt Menschen bei Fragen und Belastungen, die keinen Krankheitswert haben: eine schwierige Entscheidung, ein Konflikt in der Familie oder im Job, eine Trennung, Überforderung in einer neuen Lebensphase. Sie hilft, die eigene Situation zu sortieren, Ressourcen zu erkennen und Lösungen zu finden. Sie stellt keine Diagnose und behandelt keine Erkrankung.

„Psychologische Beratung“ ist kein geschützter Begriff. Angeboten wird sie von Psycholog:innen, Sozialpädagog:innen, Familien- und Paarberater:innen, aber auch von Menschen ohne einschlägiges Studium. Achten Sie deshalb auf Qualifikation und Erfahrung. Seriöse Berater:innen erkennen außerdem, wann ein Anliegen über Beratung hinausgeht, und empfehlen dann eine Abklärung.

Coaching und Heilpraktiker:innen: zwei Zwischenformen

Coaching richtet sich an gesunde Menschen mit beruflichen oder persönlichen Zielen, etwa für Führung, Karriereentscheidungen oder Kommunikation. Die Bezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt. Coaching ist keine Behandlung, auch wenn es Methoden aus der Psychotherapie nutzt, etwa systemische Fragetechniken.

Heilpraktiker:innen für Psychotherapie haben eine behördliche Erlaubnis, Heilkunde auf dem Gebiet der Psychotherapie auszuüben. Sie dürfen also psychische Beschwerden behandeln, aber nicht die Berufsbezeichnung Psychotherapeut:in führen. Eine Approbation oder ein Psychotherapiestudium ist dafür nicht nötig. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen diese Behandlung nicht, auch nicht im Kostenerstattungsverfahren.

Die wichtigsten Unterschiede im Detail

Anlass und Ziel

Psychotherapie behandelt eine Erkrankung. Beratung begleitet eine Lebenssituation. Die Grenze ist nicht immer scharf: Eine Trennung kann eine Lebenskrise sein, die sich mit Beratung gut bewältigen lässt. Sie kann aber auch in eine Depression münden, die behandelt werden sollte.

Qualifikation

Approbierte Psychotherapeut:innen haben ein Studium und eine staatlich geregelte Qualifikation hinter sich. Nach altem Recht folgte auf ein Studium, meist der Psychologie, eine mehrjährige Ausbildung bis zur Approbation. Seit der Reform 2020 führt ein eigenes Psychotherapiestudium zur Approbation, danach folgt eine fünfjährige Weiterbildung zur Fachpsychotherapeut:in, die Voraussetzung für eine Kassenzulassung ist. Für Beratung gibt es keine einheitlichen Vorgaben.

Kosten

Psychotherapie bei einer psychischen Erkrankung bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen. Private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten im Umfang Ihres Tarifs. Beratung bezahlen die Krankenkassen nicht: Die Psychotherapie-Richtlinie schließt Erziehungs-, Ehe-, Lebens- und Sexualberatung sowie Paar- und Familienberatung ausdrücklich aus. Private Beratung oder Coaching bezahlen Sie selbst.

Schweigepflicht

Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen unterliegen der strafrechtlichen Schweigepflicht. Das gilt nach § 203 Strafgesetzbuch auch für Psycholog:innen mit staatlich anerkanntem Abschluss und für Berater:innen in anerkannten Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Suchtberatungsstellen. Für Coaches ohne einen dieser Hintergründe gilt diese Pflicht nicht automatisch. Fragen Sie im Zweifel nach, wie mit Ihren Informationen umgegangen wird.

Wann passt was?

Eher Psychotherapie, wenn:

  • Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Ängste oder Grübeln seit Wochen anhalten
  • Sie Ihren Alltag, Ihre Arbeit oder Beziehungen kaum noch bewältigen
  • Sie schlecht schlafen, sich zurückziehen oder Dinge meiden, die früher selbstverständlich waren
  • Sie Alkohol, Medikamente oder andere Mittel nutzen, um Gefühle auszuhalten
  • Sie Gedanken haben, sich etwas anzutun, oder nicht mehr leben möchten. Dann holen Sie sich bitte sofort Hilfe, siehe unten.

Eher Beratung, wenn:

  • Sie vor einer konkreten Entscheidung stehen und Klarheit suchen
  • es um Erziehungsfragen, Konflikte in der Familie oder eine Trennung geht, ohne dass jemand psychisch erkrankt ist
  • Sie in einer neuen Lebensphase Orientierung suchen, etwa nach einem Umzug, beim Berufseinstieg oder in der Pflege von Angehörigen
  • Sie Unterstützung bei Schulden, Sucht im Umfeld oder Behördenfragen brauchen

Wenn Sie unsicher sind, ist die psychotherapeutische Sprechstunde ein guter erster Schritt. Dort wird fachlich geklärt, ob eine Behandlung nötig ist oder ob ein anderes Angebot besser passt. Eine erste Orientierung gibt auch der Selbsttest zur psychischen Gesundheit. Er ersetzt keine Diagnose.

Akute Krise? Wenn Sie in einer akuten Notlage sind, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenfrei, 24/7) oder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117. Bei Lebensgefahr: 112.

Kostenfreie und kostengünstige Beratung

Es gibt in Deutschland ein dichtes Netz an Beratungsstellen, viele davon kostenfrei:

  • Erziehungs- und Familienberatung: Nach § 28 SGB VIII unterstützen Erziehungsberatungsstellen Kinder, Jugendliche und Eltern bei Erziehungsfragen, Familienproblemen, Trennung und Scheidung. Für Familien ist das in der Regel kostenfrei.
  • Beratung zu Partnerschaft und Trennung: Eltern haben nach § 17 SGB VIII Anspruch auf Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung, etwa beim Jugendamt oder in Beratungsstellen.
  • Ehe-, Familien- und Lebensberatung: Beratungsstellen in kirchlicher, kommunaler oder freier Trägerschaft arbeiten häufig kostenfrei oder gegen einen einkommensabhängigen Beitrag. Stellen in Ihrer Nähe finden Sie über den Beratungsführer der DAJEB.
  • Suchtberatung: für Betroffene und Angehörige, meist kostenfrei und auf Wunsch anonym.
  • TelefonSeelsorge: rund um die Uhr am Telefon, auch per Chat und Mail, kostenfrei und anonym.

Psychotherapie mit Therapy Lift

Über Therapy Lift finden Sie approbierte Psychotherapeut:innen, die per Video behandeln. Es ist kein Chatbot und keine KI-Therapie, sondern Psychotherapie mit echten Menschen. Im kostenfreien Kennenlerngespräch können Sie klären, ob eine Psychotherapie in Ihrer Situation sinnvoll ist. Termine sind oft innerhalb weniger Tage möglich, als Selbstzahler:in oder privat versichert. Wie Online-Therapie abläuft, lesen Sie unter Online-Psychotherapie, die passende Therapeut:in finden Sie in der Therapeutensuche.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Psychotherapie und psychologischer Beratung?

Psychotherapie ist die Behandlung psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen und gehört zur Heilkunde. Psychologische Beratung unterstützt bei Lebensfragen, Konflikten und Krisen, die keinen Krankheitswert haben. Psychotherapie dürfen nur approbierte Psychotherapeut:innen und ärztliche Psychotherapeut:innen unter dieser Bezeichnung anbieten, Beratung ist nicht geschützt.

Zahlt die Krankenkasse psychologische Beratung?

Nein. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen Psychotherapie nur zur Behandlung einer psychischen Erkrankung. Reine Lebens-, Paar-, Familien- oder Erziehungsberatung ist ausdrücklich keine Kassenleistung. Viele Beratungsstellen, etwa für Erziehungs- oder Familienfragen, sind aber kostenfrei oder kostengünstig.

Brauche ich für eine Psychotherapie eine Überweisung?

Nein. Sie können sich direkt an eine psychotherapeutische Praxis wenden oder über die Terminservicestelle unter 116 117 einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde bekommen. Dort wird geklärt, ob eine Behandlung nötig ist.

Woran erkenne ich, ob ich Psychotherapie oder Beratung brauche?

Hinweise auf Psychotherapie sind Beschwerden, die über Wochen anhalten und Ihren Alltag deutlich einschränken, etwa anhaltende Niedergeschlagenheit, starke Ängste, Schlafstörungen oder Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Geht es eher um eine Entscheidung, einen Konflikt oder eine Lebensphase, kann Beratung passen. Im Zweifel klärt die psychotherapeutische Sprechstunde, was sinnvoll ist.

Ist ein Coach dasselbe wie eine Psychotherapeut:in?

Nein. Coaching richtet sich an gesunde Menschen mit beruflichen oder persönlichen Zielen und ist keine Behandlung. Die Bezeichnung Coach ist nicht geschützt, eine bestimmte Ausbildung ist nicht vorgeschrieben. Psychische Erkrankungen gehören in psychotherapeutische oder ärztliche Behandlung.

Quellen

  • Coaching
  • Erstattungsfahig
  • Krankenversicherung
  • Psychologische-beratung
  • Psychotherapie

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