Psychotherapeutische Verfahren im Überblick

In Deutschland sind vier unterschiedliche Verfahren (auch therapeutische Schulen genannt) im sogenannten Richtlinienverfahren anerkannt. Jede/r approbierte Psychotherapeut:in ist mindestens in einem der vier Verfahren ausgebildet. Als Patient:in kann es schnell zu Verunsicherung über die Verfahren kommen, deshalb stellen wir diese hier kurz für dich vor. Übrigens ist die Passung zwischen vorhandener Indikation, deinen Wünschen an die Therapie und das gewählte Verfahren sehr relevant. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Verhaltenstherapie am besten erforscht und eignet sich sehr gut für die meisten psychischen Störungen.

In diesem Artikel:

  1. Verhaltenstherapie
  2. Analytische Psychotherapie
  3. Tiefenpsychologisch fundierte Therapie
  4. Systemische Therapie
  5. Welches Verfahren ist das richtige für mich?

1. Verhaltenstherapie (VT)

Die Verhaltenstherapie ist mittlerweile die größte therapeutische Schule in Deutschland und gewinnt weiterhin an Bedeutung. Mehr als 50% aller approbierten Psychotherapeut:innen sind in der Verhaltenstherapie ausgebildet. Die Verhaltenstherapie ist neben der systemischen Therapie die modernste therapeutische Schule und folgt aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Psychologie, Pädagogik und Neurowissenschaften.

Im Fokus der Verhaltenstherapie steht die Überzeugung, dass jegliches Verhalten und dahinterliegende Denkmuster erlernt sind. Um Veränderungen zu erzielen, wird erlerntes reflektiert und neue Verhaltensweisen und Strategien erlernt. Die Verhaltenstherapie folgt dem Ansatz, dass ein Leben lang Neues erlernt werden kann und die neuen Verhaltensweisen in der Bewältigung problematischer Muster helfen. Dabei steht die Gegenwart der Patient:innen stärker im Fokus als die Vergangenheit. Die Verhaltenstherapie arbeitet mit dem Ziel der Hilfe zur Selbsthilfe.

In der Verhaltenstherapie spielen Übungen und Hausaufgaben eine wichtige Rolle. Viele Therapeut:innen sprechen davon, dass die Verhaltenstherapie am stärksten außerhalb der Gesprächssitzungen wirkt und messen der Zeit zwischen den Sitzungen besondere Bedeutung bei. Apps für das Smartphone können dabei Patient:innen in der Ausführung ihrer Aufgaben unterstützen.

Eine Verhaltenstherapie wird von Versicherungen für bis zu 80 Stunden genehmigt. Häufig sind es aber viel weniger Stunden in einer sogenannten Kurzzeittherapie (24 Stunden). Die Verhaltenstherapie findet in der Regel einmal wöchentlich statt.

2. Analytische Psychotherapie (AP)

Die analytische Psychotherapie basiert auf der Psychoanalyse der bekannten Psychologen Sigmund Freud und Josef Breuer. In der klassischen Ausrichtung liegen Patient:innen auf einer Liege, während die Therapeut:in auf einem Stuhl etwas versetzt außerhalb des Blickfelds sitzt. Heutzutage ist das Setting offener, denn eine analytische Psychotherapie kann auch im Sitzen mit Blick auf die Therapeut:in stattfinden. Im sogenannten freien Assoziieren teilen Patient:innen alles mit, was ihnen einfällt, ganz gleich wie belanglos es erscheint. Mit dieser Technik soll das Gespräch möglichst offen gestaltet werden und Unbewusstes zum Vorschein kommen.

Im Fokus der analytischen Psychotherapie steht das Unterbewusstsein. Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie wendet sie sich stärker der Vergangenheit zu. Erfahrungen, Schmerzen und Konflikte der Vergangenheit lösen unterbewusste Schutzreaktionen aus. Durch das Hervorholen vergangener Konflikte soll eine Reflektion ausgelöst werden, mit der die Probleme überwunden werden.

Im Versuch, das Unbewusste zugänglich zu machen und zu entdecken, benötigen Psychoanalytiker:innen viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen und zum Kern der Themen vorzustoßen. Therapien dauern zwischen 160 bis 300 Stunden und die Frequenz der Besuche ist mit 2 bis 3 Sitzungen pro Woche deutlich höher als bei einer Verhaltenstherapie.

3. Tiefenpsychologisch fundierte Therapie (TP)

Diese Therapieform ist eine Weiterentwicklung der Psychoanalyse. Sie bezieht sich stärker auf die Gegenwart als ihre Vorgängerin. Therapeut:in und Patient:in sitzen sich in der Regel gegenüber. Ähnlichkeiten mit der analytischen Psychotherapie hat sie in der Frequenz der Sitzungen. Auch hier werden 2 bis 3 Termine pro Woche vereinbart.

Mit dem Wort Tiefe in Tiefenpsychologie wird auf die verborgene Tiefe des Unterbewusstseins und die Tiefe der Zeit, in der Erfahrungen gesammelt werden, verwiesen. Ähnlich der psychoanalytischen Therapie geht die tiefenpsychologisch fundierte Therapie davon aus, dass unbewusste psychische Vorgänge eine Wirkung auf die Gesundheit des Menschen haben. Verdrängte Erfahrungen und Konflikte spiegeln sich in der seelischen Gesundheit wider.

In Abgrenzung zur Verhaltenstherapie geht es in dieser Therapieform nicht um die direkte Änderung von Verhalten, sondern um die Klärung der Ursachen, die zu Beschwerden führen, wodurch diese verringert werden sollen.

Tiefenpsychologisch fundierte Therapien dauern meist 60-100 Stunden.

4. Systemische Therapie (ST)

Erst seit 2020 wurde die Systemische Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen für Erwachsene aufgenommen. Sie ist damit die jüngste Therapieschule im deutschen Gesundheitssystem. Aber entstand nur kurz nach der Verhaltenstherapie in den 1970er Jahren.

In der systemisches Therapie steht das Umfeld als System und seine prägenden Einflüsse im Vordergrund. Der Einfluss und Standpunkt Dritter (z.B. Familienmitglieder) auf die Patient:innen ist von besonderer Bedeutung. Damit widmet sich die systemische Therapie hauptsächlich den Beziehungen und Beziehungsmustern.

Häufig wird in der systemisches Therapie auch mit einem sogenannten Systembrett gearbeitet. Auf diesem Brett werden verschiedenen Figuren positioniert, um Beziehungen zu anderen Menschen zu visualisieren.

In der Therapie wird auf Sparsamkeit der Sitzungen gesetzt. Sitzungen werden einzeln vereinbart und häufig mit größeren zeitlichen Abständen, damit Patient:innen in zwischen den Sitzungen erlerntes anwenden können und neue Erfahrungen in die Therapie bringen. Dazu werden auch Hausaufgaben gegeben und Übungen einstudiert, die dann im Alltag ausgeführt werden.

Die Systemische Therapie kann bis zu 48 Sitzungen andauern.

5. Welches Verfahren ist das richtige für mich?

Es gibt keine generelle Antwort auf diese Frage. Im Erstgespräch können Sie sich über verschiedene Verfahren informieren. Je nach Indikation, persönlichem Veränderungswunsch und biographischen Hintergrund kann eine bestimmte Therapieschule am besten bei Ihnen wirken. Jede Therapeut:in ist in mindestes einem Verfahren ausgebildet, natürlich wissen sie am meisten über das von ihnen angewandte Verfahren.

Quellen:

https://www.dptv.de/psychotherapie/psychotherapieverfahren/

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